Landwirtschaft und Klimakrise

Fahrrademo von Fridays for Future zum Weltklimastreiktag 2021 in Kassel

Mitverursacht und zugleich betroffen – Landwirtschaft und Klimakrise

von Barbara Friedrichs

Bis 2045 soll Deutschland klimaneutral sein, so sieht es das im Mai 2021 erneuerte Klimaschutzgesetz der Bundesregierung vor. „Zu spät“ urteilt die Klimaschutzbewegung Fridays for Future (FFF) über die Zielmarke und fordert etwa CO2-Neutralität bereits bis 2035. Nachdem das Bundesverfassungsgericht (BVG) das Klimaschutzgesetz in Teilen für verfassungswidrig erklärt hatte, war die Große Koalition gezwungen, zu reagieren. Die Klage, die unter anderem von FFF und Greenpeace eingereicht wurde, ist fraglos ein großer Erfolg. Allerdings betreffen die Verschärfungen des Gesetzes vor allem den Energie- und den Industriesektor. Der Bereich Landwirtschaft hingegen ist von deutlich verschärften Reduktionszielen verschont geblieben – zu Unrecht, denn sie verursacht einen erheblichen Anteil an Treibhausgasemissionen.

Gleichzeitig leidet der Agrarsektor selbst unter den Folgen des Klimawandels, wie zum Beispiel unter der anhaltenden Trockenheit im Hitzesommer in 2018. Hierzulande sind es meist Wetterextreme wie Starkregen oder eben lange Trockenperioden, die Ernteeinbußen verursachen. Andererseits emittieren landwirtschaftliche Betriebe 62 Prozent der Methanemissionen und 79 Prozent der Lachgasemissionen in Deutschland, so das Umweltbundesamt. Methan entsteht größtenteils in der Intensivtierhaltung und Lachgas durch überdüngte Böden. Der deutsche Agrarsektor trug in 2018 rund siebeneinhalb Prozent zu den nationalen Treibhausgasemissionen bei. Nicht einkalkuliert ist die energieintensive Produktion mineralischen Stickstoffdüngers, die dem Industriesektor zugerechnet wird. Weiterhin verändert sich im In- und Ausland die Landnutzung, etwa durch Waldrodungen oder die Umwandlung von Grünland in Ackerboden. Dies setzt erhebliche Mengen an Kohlendioxid frei.

Die Folgen der Klimakrise für landwirtschaftliche Betriebe sind in anderen Weltregionen deutlich dramatischer als in Deutschland. Es gilt, sich dies vor Augen zu führen, um den Handlungsdruck auf politische Entscheidungsträger zu erhöhen. Für Kleinbauern in Entwicklungsländern bedeuten Ernteschäden oder -ausfälle existentielle Probleme. Langfristig können sie ihre Ernährung nur sichern, wenn die globalen Treibhausgasemissionen effizient und schnell gesenkt werden.

Ein aktueller Bericht des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (UNEP) weist darauf hin, dass eine Senkung der Methan-Emissionen ein günstiger und effektiver Weg ist, die Pariser Klimaschutzziele zu erreichen. Bis 2030 könnte eine weitere Erderwärmung um 0,3 Grad vermieden werden, wenn der Methanausstoß um 45 Prozent reduziert würde. Weltweit werden 40 Prozent der menschengemachten Methanemissionen in der Landwirtschaft erzeugt, so der UNEP-Report. Methan entsteht im Agrarsektor vor allem in der Rinderhaltung. Kern des Problems ist die weltweit hohe Nachfrage nach Fleisch, die die industrielle Rindermast befriedigt. Auch der UNEP-Bericht deutet an, dass Fleischkonsum abnehmen muss, um Methanemissionen zu senken. Die international vereinbarten Ziele zur Begrenzung der Erderwärmung auf 1,5 Grad seien andernfalls nicht erreichbar.

Durch das Bundesverfassungsgerichtsurteil Ende April 2021 wurde das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) genötigt, die Klimaschutzziele für den deutschen Landwirtschaftssektor höher anzusetzen. Deutlich ambitionierter sind die neuen Vorhaben jedoch nicht. So dürfen beispielsweise bis 2030 nur noch 56 Millionen Tonnen (Mio. t) statt 58 Mio. t CO2-Äquivalente im Agrarsektor entstehen. Der erneuerte Klimaschutzplan 2050 legt nun fest, dass die Treibhausgasemissionen im Vergleich zum Jahr 1990:

  • bis 2030 um mindestens 65 Prozent gesenkt werden sollen;
  • bis 2040 um mindestens 88 Prozent verringert werden sollen;
  • und dass bis 2045 Netto-Treibhausgasneutralität bestehen soll.

Das BMEL sieht unter anderem folgende Maßnahmen vor, um die Ziele zu erreichen: erstens eine Senkung der Stickstoffüberschüsse, inklusive verminderter Ammoniak- und Lachgasemissionen. Dies soll auf Ebene der Bundesländer durch die Umsetzung der Düngeverordnung erreicht werden. Das Einsparungspotential gibt das BMEL vage mit 1,9 bis 7,5 Mio. t CO2-Äquivalenten pro Jahr an. Bisher werden durch das Ausbringen von Dünger und durch lokal zu hohe Viehbestände die Böden mit Nährstoffen überversorgt, was wiederum hohe Lachgasemissionen zur Folge hat. Lachgas hat fast 300-mal stärkere Auswirkungen auf das Klima als Kohlendioxid und der Landwirtschaftssektor trägt wie erwähnt mit 79 Prozent am meisten zu Lachgasemissionen in Deutschland bei. Kritik an der Düngeverordnung und an zu geringen Reduktionszielen im Klimaschutzplan 2050 wird von Naturschutzverbänden vorgebracht. Zudem fordern diese beispielsweise reduzierte Tierbestände und Abgaben auf mineralische Stickstoffdünger im Handel sowie auf Stickstoffüberschüsse in landwirtschaftlichen Betrieben.

Zweitens sieht es eine Steigerung der Güllevergärung in Biogasanlagen vor. Dünger, der in der Tierhaltung entsteht, und andere landwirtschaftliche Reststoffe sollen zunehmend in Biogasanlagen eingespeist werden. Diese Art der Nutzung sowie die gasdichte Lagerung von Gärresten sollen finanziell in Anlehnung an das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) gefördert werden. 2 bis 2,4 Mio. t CO2-Äquivalente können hier laut BMEL jährlich eingespart werden. Dagegen lässt sich argumentieren, dass mit Biogas produzierte Energie verglichen mit Solar- und Windenergie sehr teuer ist und dies nach Stand der Technik auch bleiben wird. Zudem sind Biogasanlagen bisher meistens mit klimaschädlichem Maisanbau verbunden. Falsche Anreize im EEG sorgten dafür, dass Grünland in Maisflächen umgewandelt wurde, um Biogasanlagen zu betreiben. Damit dieser Fehler nicht in ähnlicher Weise wiederholt wird, sollte eine EEG-Förderung nur erfolgen, wenn bestehende Biogasanlagen genutzt und gewisse Mindestanteile an Wirtschaftsdünger eingesetzt werden.

Ein weiteres Vorhaben ist der Ausbau des Ökolandbaus – ein Ziel, das seit Beginn der 2000er auf der Agenda der Bundesregierung steht, aber nicht umgesetzt wurde. Zunächst sollte der Flächenanteil des Ökolandbaus bis 2010 auf 20 Prozent erhöht werden, im letzten Koalitionsvertrag wurde dieses Ziel bis 2030 angestrebt. Die Umsetzung scheitert an unzureichender Finanzierung sowie einer inkohärenten Politik, die Reformen im Tierschutz, Verbraucherschutz und in der EU-Agrarpolitik blockiert. Ökologisch bewirtschaftete Flächen verursachen erwiesenermaßen weniger klimaschädliche Emissionen. Beispielsweise wird kein leicht löslicher Mineraldünger eingesetzt, dessen Herstellung wie erwähnt sehr energieaufwendig ist. Auch andere nachhaltige Bewirtschaftungsmethoden sollen mehr Förderung erhalten. Weitere Maßnahmen zur Begrenzung der Treibhausgasemissionen sind unter anderem in den Bereichen Tierhaltung, Humuserhalt und -aufbau im Ackerbau und Schutz von Moorböden geplant.

 

Quellen und weiterführende Informationen

Deutsche Umwelthilfe zum aktuellen UNEP-Bericht (2021): https://www.presseportal.de/pm/22521/4908350

Gerald Wehde, Geschäftsleiter Agrarpolitik und Kommunikation beim ökologischen Erzeugerverband Bioland, Artikel „Klimaschutzziele für die deutsche Landwirtschaft“ (2018) in: umwelt aktuell – Infodienst für europäische und deutsche Umweltpolitik, Ausgabe 12.2018/01.2019: https://www.dnr.de/publikationen/umwelt-aktuell/archiv-umwelt-aktuell-2018/

Karsten Schwanke, Meteorologe, zur Frage „Wie hängen Landwirtschaft und Klima zusammen?“ (2020): https://youtu.be/d8UflpVkINk

Landwirtschaftsministerium (2021): https://www.bmel.de/DE/themen/landwirtschaft/klimaschutz/klimamassnahmen-klimaschutzprogramm2030.html

Marcus Kaplan, Deutsches Institut für Entwicklungspolitik, Artikel „Landwirtschaft in den internationalen Klimaverhandlungen – Förderung einer nachhaltigen Entwicklung oder nur zweifelhafte Emissionsminderung?“ (2012) in: Analysen und Stellungnahmen, No. 12/2012: http://hdl.handle.net/10419/199960

Naturschutzbund (2020): https://www.nabu.de/natur-und-landschaft/landnutzung/landwirtschaft/klimaschutz/25508.html

Süddeutsche Zeitung (2021): https://www.sueddeutsche.de/wissen/klimawandel-methan-treibhausgas-fracking-flaring-venting-ch4-landwirtschaft-kuehe-1.5286594?reduced=true

Thünen-Institut (kein Datum): https://www.thuenen.de/de/thema/oekologischer-landbau/zukunftsstrategie-oekologischer-landbau/warum-20-prozent-oekolandbau/

Umweltbundesamt (2020): https://www.umweltbundesamt.de/daten/land-forstwirtschaft/beitrag-der-landwirtschaft-zu-den-treibhausgas#treibhausgas-emissionen-aus-der-landwirtschaft