Gentechnik – ein Milliardenmarkt weckt Begehrlichkeiten

Neue Gentechnik-Verfahren werden gerne als Wunderwaffe zur Bewältigung der Klimakrise und des Hungers gepriesen. Nach den Erkenntnissen vieler Wissenschaftler werden sie allerdings dafür wenig hilfreich sein. Bereits die alte Gentechnik hat die geweckten Hoffnungen nicht erfüllt.

Die Nutzung und Regulierung von neuen Verfahren, wie der sogenannten Genschere (CRISPR/Cas) ist in Europa heftig umstritten. Mit ihr lässt sich das Erbgut aller Lebewesen beliebig verändern. Teile des Erbguts werden so entfernt und durch neue Informationen ersetzt. Man spricht hier von „Genome Editing“ und suggeriert damit eine Ergänzung. Tatsächlich werden natürliche Prozesse und Reparaturmechanismen im Genom umgangen, indem sie gelöscht und ersetzt werden. Eingriffe sind danach nicht mehr nachweisbar.

Der Einsatz von Gentechnik ist in der EU streng reguliert. Das Vorsorgeprinzip, das in den Gründungsverträgen der EU verankert ist, darf nicht untergraben werden. Der Europäische Gerichtshof entschied im Juli 2018: Pflanzen, die mit der Genschere erzeugt worden sind, müssen als genetisch veränderte Organismen eingestuft werden. Demzufolge unterliegen sie einer strengeren Regulierung und der Pflicht zur Kennzeichnung. Derzeit herrscht große Uneinigkeit darüber, wie man künftig diese Verfahren nutzen wolle.

Auf Drängen der Leopoldina (Nationale Akademie der Wissenschaften), die sich selbst als unabhängige und wissenschaftsbasierte Unterstützerin für Politik und Gesellschaft sieht, plant die EU-Kommission, das strenge europäische Gentechnikrecht nun grundlegend zu überarbeiten. So drohen neue Gentechnikmethoden von der bisher vorgeschriebenen Risikobewertung und Kennzeichnungspflicht ausgenommen zu werden. Darüberhinaus könnten die gesetzlichen Regelungen auch für bestehende Verfahren gelockert werden.

Die Fraktion der Grünen/EFA im Europäischen Parlament hat kürzlich eine kritische Studie zu genom-editierten Pflanzen vorgestellt und konnte damit belegen, wie die Leopoldina und andere Verfechter der Deregulierung der neuen Gentechnik einseitig Schlüsse aus den verfügbaren wissenschaftlichen Daten ziehen. In ihrem überaus industriefreundlichen Statement beruft sie sich zudem lediglich auf einen Teil der vorliegenden Informationen und legt diese sehr großzügig aus. Mindestens 200 hochrelevante wissenschaftliche Studien zum Thema wurden außer Acht gelassen. Würde man alle verfügbaren Daten miteinbeziehen, ließen sich wichtige Hinweise auf die negativen Folgen für Umwelt und Gesundheit gentechnischer Verfahren deutlich erkennen. Weitere Regulierung und eine Verschärfung bestehender Gentechnikvorschriften müssten die logische Antwort auf die Missachtung relevanter wissenschaftlicher Belege sein.

Für den Umwelt- und Verbraucherschutz wäre die mögliche Aufweichung des Gentechnikrechts ein massiver Rückschlag. Die meisten Verbraucher lehnen genmanipulierte Nahrungsmittel auf dem Acker und auf ihrem Teller ab. Ohne Kennzeichnung würden wir die Möglichkeit verlieren, uns bewusst für oder gegen den Kauf zu entscheiden, das Vorsorgeprinzip stünde auf dem Spiel. Der Weg zu einer dringend erforderlichen Ökologisierung der Landwirtschaft wäre verbaut, die Umwelt unkalkulierbaren Risiken ausgesetzt. Die Nutzung von Agrar-Gentechnik ist und bleibt eine Bremse für den notwendigen Systemwandel hin zu einer ökologischen Landwirtschaft. Mit ihr wird ein System fortgeschrieben, das viele Probleme geschaffen hat und eine exportorientierte, klima- und biodiversitätsschädigende Ausrichtung der Landwirtschaft und der industriellen Tierhaltung weiter befeuert. (mk)

Weitere Informationen:

April 2021, Die Grünen/EFA im EU-Parlament (Hrsg.), “Wissenschaftliche Kritik der Leopoldina- und EASAC-Stellungnahmen zu genom-editierten Pflanzen in der EU“. Zusammenfassung der englischsprachigen Studie in deutscher Sprache.

April 2021, Die Grünen/EFA im EU-Parlament, “Wissenschaftliche Kritik der Leopoldina- und EASAC-Stellungnahmen zu genom-editierten Pflanzen in der EU“, Vollständige Version Studie in englischer Sprache

 

Kommentar

Es ist – je nach Standpunkt – ein Mantra oder ein Fluch, dass bei Grundsatz- und Zukunftsfragen immer wieder die Selbstregulierungskräfte des Marktes beschworen werden. In der Landwirtschaft hat sich gerade gezeigt, dass der Glaube an den Weltmarkt und das „Wachsen statt Weichen“ ein großer Trugschluss war und ist, dessen Folgen für unsere Agrarlandschaft noch gar nicht abzusehen sind.

Doch die weltweit agierenden Großkonzerne, wiederum getrieben von Investmentbankern und Aktionären, kämpfen weiter an allen Fronten. Die Gentechnik soll nun alle Klima- und Hungerprobleme dieser Welt lösen. Was für ein Irrglaube: Es ist längst erwiesen, dass Hunger vor allem da entsteht, wo korrupte, kleptokratische Eliten herrschen und bewaffnete Konflikte toben. Gerade  Afrika hat(te), entgegen anders lautender Vorteile, eine durchaus funktionierende kleinbäuerliche Landwirtschaft. Das passt nicht zu dem Geschäftsmodell von Monsanto & Co.. So wird perfide mit ethischen Gründen argumentiert, wo es doch schlicht und ergreifend um eigene Profitinteressen geht.

Pestizidresistentes Saatgut, alles aus einer Hand, lautet die Erfolgsformel. Dadurch steigt die Abhängigkeit der kleinen Bauern, die Konzentration des Ackerlandbesitzes  schreitet voran: Eine Wiederaussaat ist unmöglich, so kann jedes Jahr kassiert werden. Fällt eine Ernte z.B. wegen Dürre schlecht aus, fehlt den Bauern das Geld, um im nächsten Jahr Saatgut zu kaufen. Damit ist eine Hungersnot vorprogrammiert.

Deshalb ist es sehr zu begrüßen, dass die Grünen im EU-Parlament Alarm schlagen und eine kritische Bewertung der Studie vorgelegt haben. Alle deutschen (Agrar-)Politiker seien daran erinnert: Es ist Wahljahr!