Zucker: Kommt jetzt doch die Abgabe?

Die Diskussion ist nicht neu. Die industrielle Herstellung stark verarbeiteter Lebensmittel und Getränke basiert häufig auf preisgünstigen Rohstoffen wie Zucker. Bereits vor Jahren klärten Gesundheitsorganisationen, Verbraucherverbände und Initiativen wie Slow Food Deutschland auf über die Folgen eines übermäßigen Zuckerkonsums. Zu viel Zucker fördert Übergewicht, Diabetes Typ 2, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Karies. Besonders problematisch sind dabei gesüßte Getränke, die große Mengen Zucker enthalten, aber kaum sättigen. Die gesundheitlichen (und finanziellen) Folgen eines hohen Konsums tragen später die Krankenkassen und damit die Allgemeinheit.

Auch für uns war Zucker z.B. 2023 ein Thema. Es ging um ein mögliches Werbeverbot, um Kinder zu schützen. Damals haben wir auch gefragt, warum Deutschland im internationalen Vergleich weiterhin auf freiwillige Vereinbarungen mit der Lebensmittelwirtschaft setzt, während zahlreiche andere Staaten längst zu verbindlicheren Instrumenten greifen. Länder wie Großbritannien, Frankreich oder Mexiko hatten bereits Erfahrungen mit Abgaben auf zuckerhaltige Getränke gesammelt.

Schon 2018 forderte Slow Food Deutschland eine wirksame Strategie zur Reduzierung des Zuckerkonsums. Freiwillige Selbstverpflichtungen der Lebensmittelindustrie seien nicht ausreichend, um die gesundheitlichen Folgen einzudämmen. Stattdessen wurden verbindliche Maßnahmen vorgeschlagen, darunter eine Abgabe auf stark zuckerhaltige Getränke.

Lange Zeit schien eine solche Regelung in Deutschland politisch kaum durchsetzbar. Vertreter der Lebensmittelindustrie warnten vor zusätzlichen Belastungen für Verbraucherinnen und Verbraucher. Konservative und wirtschaftsliberale Politiker sprachen von Bevormundung und einem unzulässigen Eingriff in die persönliche Freiheit.

Nun kommt Bewegung in die Sache. Ende April 2026 kündigte das Bundeskabinett überraschend an, eine Abgabe auf zuckergesüßte Getränke einführen zu wollen. Ab 2028 sollen Hersteller je nach Zuckergehalt ihrer Produkte zur Kasse gebeten werden. Im Gespräch sind Abgaben von 26 Cent pro Liter bei mittleren und 32 Cent pro Liter bei hohen Zuckergehalten. Die Einnahmen sollen unter anderem zur Stabilisierung der gesetzlichen Krankenversicherung beitragen.

Bemerkenswert ist dieser Schritt auch deshalb, weil die Union eine Zuckerabgabe lange entschieden abgelehnt hatte. Auch auf dem CDU-Parteitag fand ein entsprechender Vorstoß zunächst keine Mehrheit. Inzwischen hat sich die politische Stimmung verändert. Selbst Gesundheitsministerin Nina Warken verweist auf Erfahrungen aus zahlreichen anderen Ländern, in denen der Zuckerkonsum gesunken ist – nicht nur, weil Verbraucher weniger kaufen, sondern weil Hersteller ihre Rezepturen angepasst haben.

Genau dies ist der springende Punkt. Befürworter sehen die größte Wirkung nicht in höheren Preisen, sondern in der Reaktion der Industrie. Das Beispiel Großbritannien gilt vielen als Beleg dafür, dass Hersteller den Zuckergehalt ihrer Produkte senken, wenn hohe Zuckermengen wirtschaftlich unattraktiver werden. Gesundheitswissenschaftler, die Weltgesundheitsorganisation (WHO), die Nationale Akademie Leopoldina und zahlreiche ärztliche Fachverbände unterstützen deshalb seit Jahren entsprechende Forderungen.

Parallel dazu mehren sich die Hinweise, dass Teile der Bundesregierung die bisherigen Erfolge freiwilliger Zuckerreduktionsprogramme deutlich positiver dargestellt haben als die verfügbaren Daten tatsächlich hergeben. Die taz berichtete Anfang Juni über Vorwürfe, das Bundesagrarministerium habe Fortschritte der Lebensmittelindustrie bei der Zuckerreduktion geschönt, während gleichzeitig eine verpflichtende Zuckerabgabe verhindert werden sollte.

Die Entwicklung zeigt einmal mehr ein bekanntes Muster: Solange wirtschaftliche Interessen betroffen sind, setzt die Politik gerne auf freiwillige Vereinbarungen und Appelle. Erst wenn der Protest nicht verstummt und die Probleme nicht mehr zu übersehen sind, werden verbindliche Regeln überhaupt diskutiert. Die Debatte um Zucker erinnert damit an viele andere Konflikte der Agrar- und Ernährungspolitik – von Pestiziden über Tierhaltung bis hin zum Umwelt- und Klimaschutz.

Ob die angekündigte Zuckerabgabe tatsächlich kommt, ist noch nicht endgültig entschieden. Die Details sollen erst in einem eigenen Gesetz geregelt werden. Dennoch markiert der Kabinettsbeschluss einen bemerkenswerten Kurswechsel. Nach Jahren der Diskussion scheint Deutschland erstmals bereit zu sein, den Zuckergehalt von Getränken nicht mehr allein der freiwilligen Selbstkontrolle der Industrie zu überlassen. Schaun wir mal …

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