Der Sommer 2026 hat gezeigt, wie verletzlich die Landwirtschaft gegenüber Wetterextremen inzwischen ist. In Hessen war der Sommer der heißeste seit Beginn der Aufzeichnungen. Dort fielen lediglich 126 Liter Niederschlag pro Quadratmeter – 57 Prozent des üblichen Sommerniederschlags.
Die Folgen waren auf den Äckern und Wiesen unübersehbar. Der Deutsche Bauernverband (DBV) rechnete bereits Mitte August mit erheblichen Ernteeinbußen und sprach von einer „brutal angespannten“ wirtschaftlichen Lage. Gefordert wurden unter anderem eine schnellere Auszahlung der EU-Direktzahlungen, eine Aufstockung der Düngemittelhilfe und eine weitere Entlastung beim Agrardiesel.
Das Muster ist bekannt: Wenn extreme Wetterereignisse die Erträge drücken, soll der Staat die wirtschaftlichen Folgen abfedern. Doch diesmal stellt sich die Frage noch dringlicher, ob eine solche Politik angesichts einer sich verschärfenden Klimakrise dauerhaft funktionieren kann.
Die endgültige Größenordnung der Schäden wurde Anfang September mit dem Erntebericht des Bundeslandwirtschaftsministeriums deutlich. Danach werden 2026 voraussichtlich rund 37,4 Millionen Tonnen Getreide geerntet – 7,3 Prozent weniger als 2025. Beim Mais blieben Pflanzen teilweise klein oder bildeten gar keine Kolben. Auch bei den Wiesen ist die Lage problematisch: Nach dem ersten Schnitt wuchs in vielen Regionen kaum noch Gras nach, sodass Futterreserven früher als geplant angegriffen werden mussten. https://www.bundesregierung.de/breg-de/suche/erntebericht-2026-2451194
Bundeslandwirtschaftsminister Alois Rainer bezeichnete die Situation als „Krise von nationaler Tragweite“. Die diesjährige Ernte sei für viele Landwirtschaftsfamilien eine „herbe Enttäuschung“. Gleichzeitig verwies er auf die wirtschaftlichen Belastungen durch hohe Diesel- und Düngemittelpreise sowie die schwierige Lage in der Tierhaltung.
Besonders umstritten ist seitens vieler NGOs die angekündigte Unterstützung über höhere Flächenzahlungen. Denn eine Hektarprämie richtet sich nicht danach, wie stark ein Betrieb von der Dürre betroffen ist, sondern danach, wie viel Fläche er bewirtschaftet. Wer z.B. 500 Hektar bewirtschaftet, erhält entsprechend ein Vielfaches der Summe, die einem Betrieb mit 50 Hektar zusteht. Das gilt auch dann, wenn der größere Betrieb vergleichsweise geringe Ernteausfälle hat, während ein kleinerer Betrieb durch die Trockenheit wirtschaftlich besonders stark getroffen wurde.
Damit kann eine pauschale Zahlung nach Fläche die tatsächliche Schadenssituation nur unzureichend abbilden. Gerade kleinere Betriebe, die bei hohen Ernteausfällen schnell an ihre wirtschaftlichen Grenzen kommen können, erhalten automatisch weniger Unterstützung als große Betriebe. Und es passiert genau das, was aus Sicht der Umwelt- und alternativen Landwirtschaftsverbände am wenigsten zur Lösung des eigentlichen Problems beiträgt: mehr Geld nach Fläche zu verteilen.
AbL: Betriebe widerstandsfähiger machen
Die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL) kritisierte bereits Mitte August die geplante Erhöhung der pauschalen Flächenprämien. Betroffene Höfe sollten zwar in der akuten Situation nicht allein gelassen werden. Das Geld müsse aber vor allem dazu beitragen, die Betriebe langfristig widerstandsfähiger zu machen.
Bernd Schmitz, stellvertretender AbL-Bundesgeschäftsführer und Milchbauer aus Nordrhein-Westfalen, verwies auf die Erfahrungen aus den Dürrejahren seit 2018. Die damaligen Hilfen hätten vor allem der kurzfristigen Liquidität gedient und keine dauerhafte Stabilität geschaffen. Seine Schlussfolgerung: „Wer heute wieder ausschließlich Geld auf die Fläche kippt, wiederholt dieselben Fehler.“
Stattdessen fordert die AbL eine stärker qualifizierte Gemeinsame Agrarpolitik (GAP). Fördermittel sollten beispielsweise über Öko-Regelungen und andere Programme dort eingesetzt werden, wo konkrete Leistungen für Klimaresilienz, Wasserhaushalt und Umwelt erbracht werden. Dazu gehören nach Auffassung der AbL vielfältige Fruchtfolgen, Maßnahmen zum Wasserrückhalt, mehr Gehölze und eine Beratung der Betriebe.
Anfang September legte die AbL noch einmal nach. Gemeinsam mit einem breiten Bündnis forderte sie einen politischen Kurswechsel. Die aktuellen Maßnahmen gingen aus Sicht der Organisation am Kern vorbei: „Das wird aber nicht mit Geld für Düngemittel und höheren Flächenprämien erfolgen.“ Viele Betriebe hätten bereits begonnen, sich mit vielfältigeren Fruchtfolgen, Maßnahmen zum Wasserrückhalt und mehr Bäumen besser auf Wetterextreme einzustellen.
foodwatch fordert krisensicheren Umbau
foodwatch fordert einen klimasicheren Umbau der Landwirtschaft. Dazu gehören weniger Nutztierhaltung, weniger Kunstdünger und weniger Pestizide. Denn eine Landwirtschaft, die stark von fossilen Energieträgern, energieintensiv hergestellten Stickstoffdüngern und hohen externen Betriebsmittelmengen abhängig ist, wird bei steigenden Energiepreisen und zunehmenden Wetterextremen besonders verwundbar.
Das bedeute nicht, dass betroffene Betriebe mit den aktuellen Ernteausfällen allein gelassen werden sollen. Zwischen einer kurzfristigen Hilfe in einer akuten Notlage und einer dauerhaften Subventionierung eines wenig resilienten Systems bestehe jedoch ein erheblicher Unterschied.
NABU: Pauschale Verteilung von Milliarden ist nicht nachhaltig
Auch der Naturschutzbund Deutschland (NABU) nahm die Erntebilanz Anfang September zum Anlass für eine grundsätzliche Kritik an der Agrarförderung. Agrarexperte Phillip Brändle bezeichnete die Erntebilanz als weiteren Weckruf und forderte, stärker in widerstandsfähige Betriebe zu investieren.
Der NABU nennt dafür sehr konkrete Maßnahmen: mehr Vielfalt auf den Äckern, Humusaufbau, Agroforstsysteme und einen besseren Wasserrückhalt. Außerdem zusätzliche Öko-Regelungen etwa für Weidetierhaltung und Biotopverbund. Die pauschale Verteilung von Milliarden über die Fläche sei dagegen keine Antwort auf zunehmende Wetterextreme. Brändle bringt den Unterschied auf den Punkt: „Sie sind Vorsorge statt Nachsorge.“
Interessant ist dabei auch die Frage nach der häufig beschworenen Ernährungssicherheit. Der NABU verweist auf eine eigene Studie, nach der die landwirtschaftlichen Produktionsmengen bei einem vollständigen Wegfall der GAP-Zahlungen je nach Szenario lediglich um bis zu 2,8 Prozent zurückgehen würden. Beim Weizen würde der Selbstversorgungsgrad demnach von etwa 134 auf rund 129 Prozent sinken – weiterhin deutlich über dem Eigenbedarf.
BUND: Anpassung statt kurzfristiger Nothilfe
Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) betrachtet die Dürre ebenfalls nicht als isoliertes Ernteproblem. In einer Stellungnahme vom 20. August verwies der Verband darauf, dass die Klimakrise Hitze, Dürre und Überschwemmungen verstärken wird. Mehr Fördermittel allein seien deshalb keine dauerhafte Lösung.
Der BUND setzt auf eine Landwirtschaft, die Böden besser vor Austrocknung schützt. Dazu gehören mehr Humus, vielfältigere Fruchtfolgen, weniger Mineraldünger und weniger Monokulturen. Ein humusreicher Boden kann mehr Wasser speichern; eine möglichst ganzjährig bedeckte Bodenoberfläche reduziert die Verdunstung. Auch robuste, an veränderte Bedingungen angepasste Sorten können helfen.
BUND-Vorsitzender Olaf Bandt verbindet die Dürre zudem mit der Frage des Wasserhaushalts insgesamt. Die Landwirtschaft könne nicht isoliert von Flüssen, Grundwasser, Mooren und anderen Ökosystemen betrachtet werden. Intakte natürliche Systeme sind auch eine Voraussetzung dafür, dass Wasser länger in der Landschaft bleibt.
Das zeigt sich auch bei einem anderen aktuellen BUND-Thema: Bei der geplanten Novelle des Düngegesetzes kritisierte Bandt, dass ein reines Monitoring nur feststelle, wo Gewässer belastet sind. Er fordert stattdessen eine verpflichtende einzelbetriebliche Bilanzierung der Nährstoffe. Sein Einwand: „Damit werden Verschmutzungen des Wassers dokumentiert, anstatt sie zu vermeiden.“
Das klingt zunächst nach einem anderen Thema. Für die Landwirtschaft in Zeiten zunehmender Trockenheit gehört beides jedoch zusammen: Wasser muss verfügbar bleiben – und zugleich muss verhindert werden, dass Böden und Gewässer durch Überdüngung zusätzlich belastet werden.
Greenpeace: Auch Tierbestände anpassen
Greenpeace sieht die Situation noch grundsätzlicher. Dazu Landwirtschaftsexperte Matthias Lambrecht im Interview: „Die Dürre ist kein Wetterpech, sondern das neue Normal.“
Laut Greenpeace hat die Hitze und Trockenheit 2026 rund drei Millionen Tonnen Erntegut gekostet. Betroffen waren unter anderem Kartoffeln, Gemüse, Zuckerrüben, Sojabohnen und Mais. Auch die Futterversorgung für Tiere wurde durch die geringen Heu- und Silageerträge schwieriger. Greenpeace schätzte die Ernteverluste für die betroffenen Betriebe zu diesem Zeitpunkt auf etwa 600 Millionen Euro.
Greenpeace stellt deshalb ebenfalls die Frage, was mit öffentlichen Geldern erreicht werden soll. Die Organisation kritisiert die Forderungen des Bauernverbands nach noch stärker subventioniertem Agrardiesel und zusätzlichen Düngemittelhilfen. Wer gesellschaftliche Solidarität bei Klimaschäden einfordere, müsse zugleich zeigen, wie sich die Landwirtschaft an der Bewältigung der Klimakrise beteilige: Durch weniger Tierhaltung, weniger Kunstdünger und weniger Pestizide. Gleichzeitig müsse der Boden mehr Wasser speichern können. Humusaufbau, vielfältige Fruchtfolgen und eine ökologischere Landwirtschaft sollen die Betriebe widerstandsfähiger machen.
Greenpeace hat Ende August außerdem eine Bilanz der wirtschaftlichen Folgen des Sommers vorgelegt. Hitze, Dürre und Niedrigwasser hätten Deutschland mindestens 36 Milliarden Euro gekostet; die Organisation nennt eine mögliche Gesamtschadenssumme von 36 bis 42 Milliarden Euro. Für die Landwirtschaft allein werden die Schäden auf rund 3,4 Milliarden Euro geschätzt.
Auch Slow Food ordnet die Folgen von Dürren nicht nur als Wetterproblem ein. In einem aktuellen Beitrag zur bevorstehenden Terra Madre 2026 schreibt die Organisation, Dürren, Überschwemmungen und Extremwetter seien Teil des Problems. Ebenso entscheidend seien aber Landbesitz, Zugang zu Wasser, Agrarpolitik und öffentliche Investitionen.
Dies ist der Blick über die einzelne Ernte hinaus. Die Frage lautet nicht nur, wie eine schlechte Ernte in einem einzelnen Jahr ausgeglichen werden kann. Es geht auch darum, ob landwirtschaftliche Betriebe Zugang zu Land und Wasser haben, ob ländliche Räume wirtschaftlich tragfähig bleiben und welche Produktionsweisen unter den veränderten klimatischen Bedingungen überhaupt Zukunft haben.
Im September beschäftigte sich Slow Food zudem mit dem Hitzesommer und der Fischerei. Auch dort wird deutlich, dass steigende Temperaturen nicht nur einzelne Betriebe treffen, sondern ganze Produktionssysteme unter Druck setzen.
Ein Sommer mit mehreren Hitzewellen
Der Hitzesommer 2026 war kein einzelnes Ereignis. Europa erlebte mehrere ausgeprägte Hitzeperioden. Bereits Ende Mai begann nach Angaben des Europäischen Zentrums für mittelfristige Wettervorhersage (ECMWF) eine erste Hitzewelle in Westeuropa. Ende Juni folgte eine weitere, die sich anschließend nach Osten verlagerte. Der Juli blieb in weiten Teilen West- und Mitteleuropas heiß und trocken. Ende Juli wurde auch in Deutschland erneut die 40-Grad-Marke überschritten; in Bernburg wurden 40,5 Grad gemessen.
Der Deutsche Wetterdienst bilanzierte Ende August einen Sommer, dessen Häufigkeit von Hitzeereignissen „beispiellos“ gewesen sei. In Hessen wurde der Juli als historisch trocken eingestuft. Die Trockenheit traf dabei nicht nur die Landwirtschaft, sondern auch Flüsse und Grundwasser.
Auch in Europa waren die Folgen erheblich. Nach Angaben des europäischen Copernicus-Dienstes förderten die außergewöhnlich heißen und trockenen Bedingungen im Juni und Juli die Ausbreitung und Intensivierung von Waldbränden. Zwischen Juli und August waren große Flächen auf der Iberischen Halbinsel, in Südfrankreich, Italien, Griechenland, auf dem Balkan und in der Ukraine betroffen. Copernicus identifizierte für Juli und August insgesamt mehr als 1,2 Millionen Hektar betroffene Flächen in Europa und Nordafrika; darin enthalten sind Brände von mehr als 30 Hektar Größe.
Die Landwirtschaft steht damit nicht vor einer vorübergehenden Ausnahmesituation. Sie muss sich auf häufiger auftretende Extreme einstellen.
Dürre ist nicht nur ein Ernteproblem
Die entscheidende Frage lautet deshalb, was aus den Erfahrungen dieses Sommers folgt. Ein Teil der Antwort betrifft natürlich die kurzfristige wirtschaftliche Absicherung von Betrieben. Ernteausfälle können Liquiditätsprobleme verursachen, Futter muss zugekauft werden, und nicht jeder Betrieb verfügt über ausreichende Rücklagen. Auch die AbL erkennt ausdrücklich an, dass betroffene Höfe in der aktuellen Situation Unterstützung benötigen.
Doch kurzfristige Hilfen und langfristige Anpassung sind zwei verschiedene Dinge.
Mögliche Maßnahmen zum Umbau der Produktionsbedingungen:
- Wasser speichern: Böden, die mehr Wasser speichern können, schützen besser vor Trockenperioden.
- Vielfältige Fruchtfolgen: Sie verteilen das Anbaurisiko.
- Gehölze und Agroforstsysteme: Sie können Mikroklima und Wasserhaushalt beeinflussen.
- Humusaufbau: Er verbessert die Wasserspeicherung des Bodens.
- Angepasste Sorten: Sie können Ertragsrisiken verringern.
- Regionales Wassermanagement: Es kann dazu beitragen, dass Wasser nicht möglichst schnell aus der Landschaft verschwindet.
Fazit: Mehr Flächenprämie ist keine Antwort
Die Bundesregierung stellt die geplante Erhöhung der Direktzahlungen als Unterstützung der Landwirtschaft in einer außergewöhnlichen Situation dar. Laut Rainers Ministerium geht es dabei um die Sicherung wirtschaftlicher Existenzen, regionaler Wertschöpfung und der Versorgungssicherheit.
Umweltverbände und NGOs halten die pauschale Verteilung über die Fläche für ungeeignet, um Betriebe klimaresilienter zu machen. Alle Verbände verweisen stattdessen auf die Möglichkeit, zusätzliche Mittel für konkrete Leistungen einzusetzen.
Der Konflikt ist damit grundsätzlicher als die Frage, ob Landwirte in einem Dürrejahr Unterstützung erhalten sollen. Es geht um die Ausrichtung der Agrarförderung insgesamt.
Die AbL erinnert auch daran, dass der Deutsche Bauernverband selbst die Abschlusserklärungen der Zukunftskommission Landwirtschaft (2024) mitgetragen hat, in denen eine stärkere Ausrichtung der Agrarförderung an konkreten Leistungen angelegt ist. Nun drängt der DBV mal wieder darauf, zusätzliche Mittel vollständig in die Basisprämie zu geben.



