Vorbildlich – Niedenstein ist pestizidfreie Kommune

Künftig ohne Glyphosat auf kommunalen Flächen. Niedenstein geht im Chattengau voran. Nachahmung erwünscht. 

Klar, um Gärten „sauber“ zu halten, gibt es ein breites Angebot in den Bau- und Gartenmärkten. Häufig in einer Glasvitrine, wo die Pflanzengifte zumindest vor dem völlig unbedachten schnellen Griff eingeschlossen verwahrt sind. Und verantwortungsvolle Verkäufer:innen machen dann auch beim Bedienen darauf aufmerksam, dass etwa Glyphosat (RoundUp) nicht auf gepflasterten Wegen oder Garageneinfahrten gespritzt werden darf. Aber verkauft wirds halt trotzdem …

Was der röhrende Laubbläser für genervte Nachbarn, sind Pestizide für die gestresste Natur. Natürlich ist die Landwirtschaft allein flächen- und mengenmäßig der größte Nutzer dieser Universalwaffe, aber bekanntlich macht Kleinvieh auch Mist. Auch deshalb hat der BUND die Initiative „Pestizidfreie Kommunen“ gestartet und dazu eine Broschüre als Leitfaden veröffentlicht.

Diese wurde jüngst im Rahmen einer Veranstaltung der Grünen in Niedenstein vorgestellt. Die Pestizidexpertin des BUND Corinna Hölzel eröffnete die Veranstaltung mit einem Impusvortrag: Mehr als 600 Städte und Gemeinden in Deutschland sind mittlerweile an dem Projekt beteiligt und dank der Grünen ist die Stadt Niedenstein auch dabei. Im Kern geht es auch darum, ein neues „Schönheitsideal“ zu etablieren. Was ist „ordentlich“? Ob Vegetation als Unkraut oder Wildkraut gesehen wird, liegt bekanntlich im Auge des Betrachters.

Klar ist, dass die Biodiversität auch vor unserer Haustür massiv leidet. Deshalb sind schon kleine Schritte sinnvoll. Die Stadt Niedenstein verzichtet jetzt auf allen kommunalen Grünflächen gänzlich auf Pestizide. Zur Anwendung kommen thermische Wildkrautbekämpfung, mechanische Maßnahmen (Motorsense, Strom) sowie vorbeugende Maßnahmen wie Mulchen und standortgerechte Pflanzkonzepte.

Bei allem Optimismus im Publikum war natürlich bald die Landwirtschaft als der größte Anwender ein zentrales Thema. Hier konnte der Bio-Landwirt, Agrarexperte und Europaabgeordnete Martin Häusling viel sachlichen, wenn auch ernüchternden Input geben. Wer Wirtschaftlichkeit ohne Nachhaltigkeit denke, würde Glyphosat und Neonicotinoide einsetzen. Die seien preisgünstig und einfach anzuwenden. Ein verbreitetes Denken der konventionellen Landwirtschaft.

Aufwendiger, aber dafür ohne chemisch-synthetische Pestizide, arbeite die ökologische Landwirtschaft mit Fruchtfolgen, mechanischer Beikrautregulierung und der Leguminosen-Zwischenfrucht. Letzere dient als Gründüngung der Verbesserung der Bodenstruktur und der Stickstoffanreicherung des Bodens.

Grundsätzlich tragen auch die Lebensmittelindustrie und Einzelhandelsketten zur Verwässerung von Begriffen bei. „Regional“ würde keinesfalls „bio“ bedeuten, stellte Martin Häusling klar. Und machte auf die Gefahren vor Ort aufmerksam. Denn das Spritzen auf den Feldern z.B. auch um Niedenstein herum sein nicht immer unbedenklich. Das Gift würde durch Regen oft im Boden gebunden oder durch den Wind in der gesamten Landschaft und natürlich auch in den Ortsteilen verbreitet.

An dieser Stelle steht dann der berechtigte Aufruf, ökologisch erzeugte Lebensmittel zu kaufen. Gleichwohl weiß Martin Häusling aus seiner Praxis als EU Landwirtschaftsexperte, welche mächtigen Lobbygruppen politisch vernünftige Prozesse und Verordnungen blockieren oder schlimmer noch versuchen, rückgängig zu machen. Dennoch beginnt Veränderung auch in den Köpfen. Hier muss sowohl ein Bewusstseinswandel (Stichwort Schönheitsideal der Natur) als auch eine Immunisierung gegen das Umweltschutz-Bashing vor allem in den asozialen Medien angestoßen werden. Niedenstein hat einen guten Move gemacht.