Regenwürmer gelten als Indikator für gesunde Böden, auf Pestizidbelastungen reagieren sie empfindlich.
Europas Pestizideinsatz auf riskantem Kurs
Erkenntnisse einer neuen Pestizidstudie kommen für die EU-Agrarpläne zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt. Die Europäische Kommission arbeitet gerade daran, Pestizide ohne regelmäßige Neuzulassungen unbefristet zu erlauben. Bisher wird die Zulassung eines aktiven Wirkstoffs in der EU nur für einen begrenzten Zeitraum erteilt und muss danach neu bewertet werden.
Eine neue Studie legt nahe, das gesamte Bodenökosystem bei der Zulassung von Pestiziden vermehrt zu beachten. Das Untersuchungsergebnis bestätigt, dass 70 Prozent der Böden in Europa mit Pflanzenschutzmitteln kontaminiert sind. Besonders häufig ist dies auf Ackerflächen der Fall. Die Auswirkungen auf das Bodenleben sind erheblich, denn Pflanzenschutzmittel bekämpfen nicht nur Schädlinge, die unsere Nutzpflanzen beeinträchtigen, sondern auch verschiedene nützliche Bodenorganismen. Ein großer Teil der biologischen Vielfalt im Boden, Milliarden von Bakterien, Pilzen, Einzellern, Würmern und Kleintieren bilden dort hochkomplexe Gemeinschaften, die für das Funktionieren ganzer Ökosysteme unverzichtbar sind.
Wissenschaftler um den Bodenökologen Marcel van der Heijden von der Universität Zürich und weitere Forschungseinrichtungen sammelten 373 Bodenproben von unterschiedlichen Flächen aus 26 EU-Mitgliedsstaaten und wiesen bei ihrer Analyse Rückstände von 63 verschiedenen Pflanzenschutzmitteln in den Proben nach. Darüber hinaus untersuchten sie deren Auswirkungen auf Bakterien, Pilze und wirbellose Bodenbewohner, die organisches Material zersetzen, damit Nährstoffkreisläufe antreiben und unsere Böden fruchtbar halten. Ziel war es, ein realistisches Bild der Situation in Europa zu erhalten, nicht nur unter Laborbedingungen, sondern in der Umwelt.
Das Forscherteam fand vor allem Rückstände von Fungiziden, von Glyphosat und von Insektiziden auf landwirtschaftlichen Flächen, darüber hinaus auch in Wäldern und auf Wiesen, wo normalerweise keine Pestizide ausgebracht werden. Dies sei sehr wahrscheinlich auf die Verbreitung des Pflanzenschutz-Sprühnebels durch den Wind zurückzuführen. Die Studie zeige auf, wie komplex die Natur ist, sagt Dr. Christoph Scherber, stellvertretender Generaldirektor des Leibniz-Instituts zur Analyse des Biodiversitätswandels in Bonn. Eigentlich gehe man davon aus, dass ein Pflanzenschutzmittel bei seinem Einsatz gezielt einen Organismus abtötet. Doch in Wirklichkeit beeinflusse man hier ein filigranes Netz an Hunderten oder Tausenden von Organismen. Die Illusion, dass ein Mittel nur gegen einen Zielorganismus wirke, ist damit klar widerlegt. Vielmehr scheinen wir derzeit Landwirtschaft im Blindflug zu betreiben – nach dem Motto erst sprühen, dann verstehen.
Kurzfristiger Nutzen, langfristiger Schaden
Bedenkt man, dass die Landwirtschaft ausreichend Lebensmittel produzieren soll und sich gegen die Folgen der Klimaerwärmung wappnen muss, schaden Pflanzenschutzmittel langfristig den kleinen Helfern und den biologischen Prozessen im Boden, die eigentlich stabile Erträge sichern sollen. Gehen nützliche Mikroorganismen, Pilznetzwerke und Bodenfauna zurück, werden Pflanzen anfälliger für Trockenheit, Stress und Krankheiten. Der Boden verliert seine Selbstregulationsfähigkeit, die Abhängigkeit von Chemie steigt, und das System wird immer instabiler. Was kurzfristig als Lösung erscheint, wird langfristig zum Problem.
Kritik an EU – Plänen
Scherber halte in Anbetracht der neuen Studie die Pläne der EU-Kommission für ziemlich katastrophal. Im medizinischen Bereich würde man das auch nicht machen. Man versuche hier ja auch immer die Nebenwirkungen von Medikamenten sehr gut zu erforschen und zu dokumentieren.
Hier werde aufgezeigt, dass die aktuelle Bewirtschaftung für kommende Generationen nicht nachhaltig sei, so Carsten Brühl, Leiter der Abteilung Gemeinschaftsökologie und Ökotoxikologie an der Technischen Universität Kaiserslautern-Landau, eine unbegrenzte Zulassung von Pestiziden ohne regelmäßige Überprüfung gefährde die Sicherheit von Umwelt und Mensch.
Vor diesem Hintergrund erscheinen unbefristete Zulassungen und verzögerte Neubewertungen nicht als sinnvoller Bürokratieabbau, sondern als Rückschritt im Umwelt- und Gesundheitsschutz. Viele problematische Wirkstoffe wurden in der Vergangenheit erst nach Jahren oder Jahrzehnten als schädlich erkannt. Oft auch erst nachdem irreversible Schäden eingetreten waren.
Das erklärte und zentrale Ziel der Europäischen Union, Biodiversität zu schützen, Böden widerstandsfähiger zu machen und die Landwirtschaft an den Klimawandel anzupassen, ist mit unbefristeter Zulassung unvereinbar. Sie würden genau jene Abhängigkeit von chemischen Hilfsmitteln verstärken, die diese Ziele untergräbt.
Die neue Studie ist deshalb nicht nur ein wissenschaftliches Ergebnis, sondern zugleich auch eine Warnung an die Politik. Eine Landwirtschaft, die ihre biologischen Grundlagen zerstört, verspielt langfristig ihre eigene Zukunft.(mk)
https://www.news.uzh.ch/de/articles/media/2026/Pflanzenschutzmittel.html

