Pestizide: In der EU verboten aber verkauft in alle Welt

Oft unzureichend geschützt: Pestizideinsatz auf einem indischen Reisfeld

Warum der Gift-Export gestoppt werden muss

In der EU sind zahlreiche Pestizide verboten, weil sie Mensch und Umwelt gefährden. Produziert werden viele von ihnen jedoch weiterhin – und in Länder außerhalb der EU exportiert. Recherchen von Public Eye / Unearthed und dem ARD-Magazin Monitor zeigen, wie groß dieses Geschäft ist und welche Folgen es hat. Betroffen sind vor allem Länder mit schwächeren Schutzmechanismen, die kaum in der Lage sind, die Risiken der hochgiftigen Mittel zu kontrollieren.

Die Fakten
  • Public Eye / Unearthed haben herausgefunden: Im Jahr 2024 genehmigten EU-Staaten den Export von fast 122.000 Tonnen Pestiziden, die in der EU verboten sind, meist in Länder mit niedrigem oder mittlerem Einkommen.
  • Deutschland spielt dabei eine große Rolle. Laut MONITOR wurden 2021 etwa 9.280 Tonnen zum Export angemeldet, ein Jahr später schon 18.360 Tonnen – fast eine Verdoppelung.
  • Neben fertigen Pestizidprodukten handelt es sich oft um reine Wirkstoffe, die in der EU keine Zulassung haben, aber dennoch ins Ausland geliefert werden.

Der UN-Sonderberichterstatter Marco Orellana fasst die Problematik so zusammen: „Jeder Export ist eine moderne Form der Ausbeutung. Er führt zu Umweltungerechtigkeiten, zur Diskriminierung und zu Verstößen gegen international geschützte Menschenrechte. Trotzdem erlauben sie den Unternehmen die hochgiftigen Mittel zu exportieren, oft in Länder, die kaum in der Lage sind, die Risiken der Pestizide zu beherrschen.“

Damit wird deutlich: Es geht nicht nur um Umweltschutz, sondern auch um Fragen von Menschenrechten und globaler Gerechtigkeit.

Deutschland steht stärker in der Verantwortung

Deutschland gehört zu den wichtigsten Exporteuren dieser Pestizide in der EU. Große Chemiekonzerne wie Bayer und BASF produzieren Wirkstoffe, die im Inland nicht mehr eingesetzt werden dürfen, aber dennoch für den Export bestimmt sind. Nach Angaben von MONITOR wurden 2021 rund 9.280 Tonnen solcher verbotenen Stoffe angemeldet, 2022 schon 18.360 Tonnen.

Ein weiterer Aspekt: Diese Pestizide kehren teilweise direkt wieder zurück nach Europa – als Rückstände in importierten Agrarprodukten. In einer Analyse von PAN Europe heißt es, dass trotz der Verbotsregelungen vermehrt Rückstände von in der EU verbotenen Pestiziden in Lebensmitteln europäischer Herkunft gefunden werden – insbesondere in importierten Tees, Gewürzen oder Hülsenfrüchten. Diese Daten basieren auf offiziellen Kontrollen vieler Mitgliedstaaten. Das bestätigt: Der Export giftiger Substanzen ist keine Einbahnstraße, sondern auch eine Quelle der Kontamination heimischer Märkte.

Ein Referentenentwurf des Bundeslandwirtschaftsministeriums sieht zwar vor, Exporte teilweise einzuschränken, doch viele Ausnahmen bleiben bestehen. Kritiker bemängeln insbesondere, dass reine Wirkstoffe nicht vollständig erfasst werden und Schlupflöcher bestehen bleiben.

Ein Verbot muss umfassend sein

Organisationen wie Public Eye, INKOTA, PAN Germany und die Heinrich-Böll-Stiftung betonen, dass nur ein vollständiges Verbot von Exporten solcher Wirkstoffe und Produkte die bestehenden Lücken schließen kann. Andernfalls wird weiterhin mit zweierlei Maß gemessen: Während in der EU bestimmte Pestizide aus Gründen des Gesundheitsschutzes untersagt sind, gelangen sie in großen Mengen in Länder, in denen die Bevölkerung den Risiken oft ungeschützt ausgesetzt ist.

Quellen und Hintergrundinfos:

Public Eye / Unearthed: Recherchen zu Exportmengen von in der EU verbotenen Pestiziden, 2024 ca. 122.000 Tonnen.
https://www.publiceye.ch/de/themen/pestizide/massive-zunahme-der-exporte-aus-der-eu

PAN -Pesticie Action Network Europe: Double standards, double risk: Banned pesticides in Europe’s food supply https://www.pan-europe.info/press-releases/2024/09/double-standards-double-risk-banned-pesticides-europe%E2%80%99s-food-supply

Monitor / ARD: Verdoppelung der Exporte aus Deutschland von 9.280 Tonnen (2021) auf 18.360 Tonnen (2022). https://www1.wdr.de/daserste/monitor/sendungen/export-hochgiftiger-pestizide-100.amp

UN-Sonderberichterstatter Marcos Orellana: Zitat über „moderne Form der Ausbeutung“. https://taz.de/Die-EU-hat-den-Export-von-verbotenen-Pestiziden-massiv-gesteigert/!6114544/

Heinrich-Böll-Stiftung, INKOTA, PAN Germany: Kritik an Schlupflöchern im deutschen und europäischen Recht. https://www.boell.de/de/2022/12/05/export-von-hochgefaehrlichen-pestizidwirkstoffen-aus-deutschland