Wie können wir Ernährung neu denken, wie können wir die Welt versorgen und gleichzeitig den Planeten schützen?
Die Antworten liegen längst auf der Hand und dennoch drehen wir uns im Kreis.
Obwohl wir seit langem wissen, dass ein Weiter-so unsere Lebensgrundlagen massiv gefährdet, handeln wir, als hätten wir es immer noch nicht verstanden. Hier noch einmal zur Erinnerung: Wir haben derzeit ein Ernährungssystem, das rund ein Drittel der globalen Treibhausgasemissionen verursacht und die Hälfte der bewohnbaren Erdoberfläche belegt – überwiegend für Tierhaltung und Futtermittel. Gleichzeitig geht ein Drittel aller Lebensmittel zwischen Acker und Teller verloren oder landet im Müll. Laut EAT Lancet Kommission, einem internationalen Expertengremium, das wissenschaftliche Grundlagen für eine gesunde, nachhaltige und gerechte globale Ernährung formuliert, könnten durch eine andere Ernährungsweise weltweit jedes Jahr bis zu 15 Millionen vorzeitige Todesfälle vermieden werden.
Ein Team um die Cornell University, das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) und das Modellvergleichsprojekt AgMIP hat mit zehn globalen Agrarmodellen berechnet, was passiert, wenn die Welt bis 2050 auf die Planetary Health Diet umstellt, einem wissenschaftlich fundierten Speiseplan, mit mehr Gemüse, Hülsenfrüchten und Nüssen, deutlich weniger Fleisch. Nicht vegan, nicht Verzicht – einfach das, was Ernährungsmediziner ohnehin empfehlen.
Hermann Lotze-Campen, Leiter der Forschungsabteilung Klimaresilienz am PIK und Co-Autor der Studie betont: „Das aktuelle Agrar- und Ernährungssystem ist mit Gesundheitskosten, vorzeitigen Todesfällen, Treibhausgasemissionen, stickstoffbedingter Verschmutzung sowie Wasser- und Landverbrauch verbunden.“
Die Experten haben in der neuen Studie in der Fachzeitschrift Nature zwei Szenarien miteinander verglichen, die Ergebnisse sprechen eine deutliche Sprache. Im Vergleich offenbaren sich doch sehr unterschiedliche mögliche Realitäten in rund 25 Jahren.
Variante 1: Wenn wir bis 2050 weitermachen wie bisher, mit einem hohen Anteil an tierischen Produkten und stark verarbeiteten Lebensmitteln, werden die Tierbestände weiter wachsen, Anbauflächen und Produktionsmengen werden steigen und damit auch Umweltbelastungen, wie Treibhausgasemissionen und Stickstoffdüngung. In der Folge werden die Kosten für Umwelt und Gesundheit deutlich höher ausfallen. Das wird uns teuer zu stehen kommen.
Variante 2: Wenn wir schrittweise unsere Ernährung auf die Planetary Health Diet umstellen, verändert sich die Landwirtschaft grundlegend. Die Bestände an Rindern, Schafen und Ziegen für die Fleischproduktion werden wieder auf das Niveau von Mitte der 1990er Jahre sinken. Damit würden wir den größten Rückgang der weltweiten Agrarfläche seit über 2.000 Jahren erreichen. Das bedeutet: 274 Millionen Hektar Weideland werden frei, es gibt Platz für Wälder, Moore und Artenvielfalt – eine Fläche fast acht Mal so groß wie Deutschland.
Mehr pflanzliche Lebensmittel heißt bessere landwirtschaftliche Produktivität ohne neue Flächen, nur noch halb soviel Lebensmittelverschwendung. Ernteerträge landen direkt auf dem Teller statt als Tierfutter im Futtertrog. Die CO2-Emissionen aus Landnutzungsänderungen sinken um 76 Prozent, Methan- und Lachgas-Emissionen der Landwirtschaft um ein Drittel. Eine nachhaltigere und gesündere Ernährung kann dazu beitragen, unser Ernährungssystem wieder näher an die Grenzen der planetaren Belastbarkeit heranzubringen.
„Unsere Studie zeigt, dass die Fortsetzung des derzeitigen Kurses die teurere Option ist“, sagt Hermann Lotze-Campen. Umwelt- und Gesundheitskosten des Weiter-so übersteigen die Kosten der Transformation deutlich.
Klar ist allerdings auch, dass Regionen mit starker Tierhaltung von einem harten Strukturwandel betroffen wären. Der braucht nach Einschätzung der Forschenden eine Agrar- und Ernährungspolitik, die den Prozess begleiten und echte Alternativen für Landwirte, die aus der Tierhaltung aussteigen. Genau dafür ist Agrarpolitik da.
Obwohl die Herausforderungen hinsichtlich der Machbarkeit immens sind, denn nicht nur Produktionsrückgänge in den Bereichen der Tierhaltung spielen eine große Rolle, sondern auch Verbraucherverhalten, Präferenzen und mächtige Akteure hinter der Rohstoffindustrie, die oft versuchen Bemühungen zu behindern, sollte das Potenzial für erhebliche positive Veränderungen keinesfalls außer Acht gelassen werden.
Debatten über Ernährung werden gerne zur „Verbotspolitik“ erklärt. Dieser Reflex wird als Reaktion auf die Studie nicht lange auf sich warten lassen. Wer das Weiter-so verteidigt, wählt langfristig einen Kurs mit mehr Agrarflächen, mehr Emissionen, mehr Krankheiten und höheren Kosten.(mk)
https://www.pik-potsdam.de/de/aktuelles/nachrichten/test
https://www.tagesschau.de/wissen/klima/ernaehrungswende-landwirtschaft-100.html



