Die Hitze und Trockenheit dieses Sommers setzen der Landwirtschaft massiv zu. Besonders im Süden und Westen Deutschlands sind die Folgen inzwischen deutlich sichtbar: Getreideerträge fallen geringer aus, Futter wird knapp, Obst und Gemüse leiden unter Hitze und Wassermangel. Nach Angaben des Deutschen Bauernverbands (DBV) wurden 2026 rund sieben Prozent weniger Getreide geerntet als im Vorjahr. Bei einzelnen Kulturen und in besonders betroffenen Regionen sind die Einbußen deutlich größer. (taz 18.8.2026)
Die Klimakrise ist damit längst kein Zukunftsszenario mehr, sondern trifft landwirtschaftliche Betriebe unmittelbar. Und sie wirft die Frage auf: Wie soll die Landwirtschaft mit immer häufigeren Hitze- und Dürreperioden umgehen?
Der Ruf nach dem nächsten Hilfspaket
Die Antwort des Deutschen Bauernverbands fällt erwartbar aus: Der Staat soll helfen. DBV-Präsident Joachim Rukwied fordert ein Sofortprogramm, eine Verdreifachung der EU-Düngemittelhilfe für Deutschland von 60 auf 180 Millionen Euro, vorgezogene Direktzahlungen und eine Senkung der Dieselsteuer.
Die Forderungen sind aus Sicht des Verbandes mit der schwierigen wirtschaftlichen Lage vieler Betriebe begründet. Tatsächlich stehen zahlreiche Höfe unter erheblichem finanziellen Druck. Niedrige Erzeugerpreise, gestiegene Betriebskosten und nun zusätzliche Ernteausfälle können für einzelne Betriebe existenzbedrohend sein.
Doch ausgerechnet die Forderungen nach mehr Geld für Diesel und Düngemittel greifen zu kurz. Sie helfen allenfalls dabei, die Folgen einer schlechten Ernte in einem einzelnen Jahr abzufedern. Sie verändern aber weder die Anfälligkeit der Landwirtschaft gegenüber Hitze und Trockenheit noch die Ursachen der Klimakrise.
Die aktuelle Dürre ist deshalb auch ein Stresstest für die bisherige Agrarpolitik. Wird wieder vor allem Geld verteilt, wenn Ernten schlecht ausfallen? Oder werden öffentliche Mittel endlich stärker dafür eingesetzt, landwirtschaftliche Betriebe dauerhaft widerstandsfähiger zu machen?

AbL: Geld muss in Resilienz fließen
Das fordert die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL). Sie kritisiert die von Bundeslandwirtschaftsminister Alois Rainer angekündigte pauschale Erhöhung der Flächenprämien für 2027. Eine solche Aufstockung der Basisprämie für alle Flächen löse keine strukturellen Probleme, sondern könne diese sogar verschärfen.
Die AbL verweist dabei auf die Erfahrungen früherer Dürrejahre. Die damaligen Hilfen hätten zwar kurzfristig die Liquidität vieler Betriebe stabilisiert, aber keine längerfristige Stabilität geschaffen. Statt pauschal Geld auf die Fläche zu verteilen, müssten die vorhandenen Mittel in Programme fließen, die Betriebe klimaresilienter machen.
Dazu gehören aus Sicht der AbL insbesondere qualifizierte Öko-Regelungen und andere Maßnahmen, die konkrete Leistungen der Betriebe honorieren. Auch die Gemeinsame Agrarpolitik (GAP) müsse entsprechend weiterentwickelt werden. Die AbL erinnert daran, dass Gesellschaft und Landwirtschaft in der Zukunftskommission Landwirtschaft bereits 2021 und erneut 2024 eine stärkere Ausrichtung der Agrarförderung an gesellschaftlichen Leistungen vereinbart hatten.
Auch der Deutsche Bauernverband hatte diese Abschlusserklärungen der Zukunftskommission Landwirtschaft mitgetragen, drängt nun aber darauf, zusätzliche Mittel wieder in die pauschale Basisprämie zu stecken.
BUND: Anpassung statt kurzfristiger Nothilfe
Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) hält ebenfalls kurzfristige Finanzhilfen allein für den falschen Weg. BUND-Vorsitzender Olaf Bandt spricht sich dafür aus, landwirtschaftliche Betriebe gezielt bei notwendigen Anpassungsmaßnahmen zu unterstützen. Statt Geld in kurzfristige Nothilfen oder Risikoversicherungen zu stecken, müsse die Landwirtschaft auf die veränderten Bedingungen vorbereitet werden. (bund.net)
Bandt verbindet Klimaanpassung dabei ausdrücklich mit Klimaschutz und Naturschutz. Für Ernährungssicherheit brauche es keine kurzfristigen Maßnahmen und auch keine vermeintlichen technologischen Patentlösungen, sondern konsequenten Klimaschutz und die Wiederherstellung geschädigter Natur.
Das ist mehr als eine umweltpolitische Forderung. Denn Böden, die Wasser speichern können, Humus enthalten und nicht durch Verdichtung geschädigt sind, können Trockenperioden besser überstehen. Auch Hecken, Gehölze, Feuchtgebiete, Auen und andere Landschaftselemente tragen dazu bei, Wasser länger in der Landschaft zu halten.
Klimaanpassung ist deshalb nicht nur eine Frage von Bewässerungssystemen oder neuen Pflanzensorten. Es geht auch darum, die Landschaft selbst wieder widerstandsfähiger zu machen.
Wasser muss in der Landschaft bleiben
Wie wichtig dieser Ansatz ist, zeigt der aktuelle Zustand der Wasserressourcen. Die anhaltende Trockenheit betrifft nicht nur die landwirtschaftlichen Kulturen. Sinkende Grundwasserstände und niedrige Pegel schränken zunehmend auch die Möglichkeiten zur Bewässerung ein.
Der NABU fordert deshalb angesichts der zunehmenden Hitze- und Trockenperioden ein grundsätzliches Umdenken beim Umgang mit Wasser. Regenwasser müsse stärker in der Landschaft gehalten werden, anstatt es möglichst schnell abzuleiten. Moore, Auen, naturnahe Landschaften und intakte Wälder seien wichtige Wasserspeicher und müssten wiederhergestellt werden. (nabu.de)
NABU-Klimateamleiterin Pauline Schur bezeichnet Klimaanpassung als unmittelbare Krisenvorsorge. Die Aussage lässt sich unmittelbar auf die Landwirtschaft übertragen: Wer Wasser erst dann sucht, wenn die Böden ausgetrocknet und die Flüsse auf Niedrigstand sind, handelt zu spät.
Gerade für die Landwirtschaft ist deshalb entscheidend, was zwischen den einzelnen Dürrejahren geschieht. Werden Böden aufgebaut und ihr Wasserhaltevermögen verbessert? Werden Landschaftsstrukturen erhalten? Werden Flächen entwässert oder wird Wasser zurückgehalten? Werden vielfältige Fruchtfolgen und robuste Anbausysteme gefördert?

VÖL Hessen: Humus, Vielfalt und neue Anbausysteme
Die Vereinigung Ökologischer Landbau in Hessen (VÖL Hessen) und die AbL Hessen haben am 19. August auf die anhaltende Trockenheit im Bundesland hingewiesen. Nach Angaben der VÖL lagen zu diesem Zeitpunkt 61 Prozent der hessischen Grundwassermessstellen im niedrigen oder sehr niedrigen Bereich. Rund 84 Prozent der Pegel wiesen Durchflüsse unterhalb des mittleren Niedrigwasserabflusses auf.
Die Folgen sind unmittelbar: Tierhalter müssen zusätzliches Futter kaufen, Gemüsebaubetriebe können teilweise wegen niedriger Pegelstände nicht mehr aus nahe gelegenen Gewässern bewässern. Bei weiterhin ausbleibendem Regen drohen hohe Ertragsverluste.
Tim Treis, Sprecher der VÖL Hessen, sieht deshalb vor allem zwei Aufgaben: Klimaschutz und Klimaanpassung. Eine sichere regionale Lebensmittelversorgung setze ambitionierten Klimaschutz voraus. Gleichzeitig müsse die Landwirtschaft auf die bereits eingetretenen Veränderungen vorbereitet werden.
Als konkrete Maßnahmen nennt Treis unter anderem eine humusmehrende Wirtschaftsweise sowie mehr Forschung zu Sorten und Anbausystemen, die auch unter veränderten klimatischen Bedingungen verlässliche Erträge ermöglichen. Humusreicher Boden kann mehr Wasser speichern und verbessert zugleich die Bodenfruchtbarkeit. (voel-hessen.de)
Die AbL Hessen setzt auf eine Landwirtschaft, die Tierhaltung, Ackerbau, Grünland und verschiedene Kulturen stärker miteinander verbindet. Vielfältige Fruchtfolgen und Agroforstsysteme können dazu beitragen, Risiken zu verteilen und die Stabilität der Betriebe zu erhöhen.
Kurz: Nicht der Preis einzelner Betriebsmittel steht im Mittelpunkt, sondern die Frage, wie ein Betrieb mit weniger Abhängigkeit von solchen Betriebsmitteln langfristig wirtschaftsfähig bleiben kann.
foodwatch: Das System muss sich ändern
foodwatch bezeichnet die Forderungen des Bauernverbands nach zusätzlichen Subventionen für Dünger und Diesel als falsche Antwort auf die Dürre. Sprecher Andreas Winkler kritisiert, dass solche Subventionen für Kunstdünger und Diesel ein Agrarsystem stabilisierten, das selbst zur Klimakrise beiträgt und dadurch weitere Ernteausfälle begünstigt.
foodwatch fordert stattdessen einen klimasicheren Umbau der Landwirtschaft. Dazu gehören weniger Nutztierhaltung, weniger Kunstdünger und weniger Pestizide. Denn eine Landwirtschaft, die stark von fossilen Energieträgern, energieintensiv hergestellten Stickstoffdüngern und hohen externen Betriebsmittelmengen abhängig ist, wird bei steigenden Energiepreisen und zunehmenden Wetterextremen besonders verwundbar.
Das bedeutet nicht, dass betroffene Betriebe mit den aktuellen Ernteausfällen allein gelassen werden sollen. Zwischen einer kurzfristigen Hilfe in einer akuten Notlage und einer dauerhaften Subventionierung eines wenig resilienten Systems besteht jedoch ein erheblicher Unterschied. (foodwatch.org)
Greenpeace: Wasser halten und Tierbestände anpassen
Auch Greenpeace kritisiert die Forderungen des DBV und betont, dass die Landwirtschaft wegen der Klimakrise besonders stark unter Druck gerate und deshalb gezielte Unterstützung bei der Anpassung benötige.
Agrarfachmann Matthias Lambrecht stellt dabei einen Zusammenhang her, der in der politischen Debatte häufig ausgeblendet wird: Die Landwirtschaft ist nicht nur Opfer der Klimakrise, sondern trägt selbst zu den Treibhausgasemissionen bei.
Deshalb müsse unter anderem Wasser stärker in der Fläche gehalten, Humus aufgebaut und die Vielfalt der Fruchtfolgen erhöht werden. Gleichzeitig fordert Greenpeace eine klimagerechte Verringerung der Tierbestände sowie einen Ausstieg aus Öl und Gas.
Besonders kritisch bewertet wird die aktuelle Agrarpolitik deshalb auch mit Blick auf die Düngung. Wenn Dürreperioden und anschließender Starkregen häufiger werden, können die Folgen von Überdüngung zusätzlich verschärft werden. Ein Teil der Nährstoffe wird dann bei Starkregen abgeschwemmt, während trockene Böden Wasser schlechter aufnehmen können.
Die Anpassung an die Dürre ist eng mit Wasser-, Boden-, Klima- und Naturschutz verbunden. (presseportal.greenpeace.de)
Und was macht Minister Rainer?
Bundeslandwirtschaftsminister Alois Rainer hat den betroffenen Betrieben staatliche Unterstützung zugesichert. Konkrete Hilfen will er allerdings erst nach Vorlage belastbarer Erntedaten festlegen. Gleichzeitig hat er angekündigt, die Direktzahlungen 2027 einmalig aufzustocken.
Das ist letztlich keine Antwort auf die zentrale Zukunftsfrage. Die Erhöhung der Basisprämie verteilt zwar zusätzliches Geld, verändert aber nicht die Produktionsbedingungen. Auch Rainer bleibt damit beim bekannten Muster: Wenn die Ernte wegen extremer Witterung schlecht ausfällt, soll der Staat die wirtschaftlichen Folgen abfedern.
Eine zukunftsfähige Strategie, wie die Landwirtschaft in Deutschland dauerhaft widerstandsfähiger gegenüber Hitze, Trockenheit und anderen Wetterextremen werden soll, ist das nicht.
Dürrehilfe darf nicht zur Dauersubvention werden
Die aktuelle Dürre stellt die Landwirtschaft vor reale und teilweise existenzielle Probleme. Deshalb ist es durchaus sinnvoll, betroffene Betriebe in akuten Notlagen zu unterstützen. Daraus darf jedoch kein politischer Reflex werden, nach jedem Extremwetterereignis die nächste Subventionsrunde zu starten.
Denn die Klimakrise wird nicht dadurch bewältigt, dass Diesel billiger und Dünger stärker subventioniert werden. Im Gegenteil: Damit werden Abhängigkeiten von fossilen Energien und energieintensiven Betriebsmitteln weiter festgeschrieben.
All die Stellungnahmen von AbL, BUND, VÖL Hessen, foodwatch und Greenpeace weisen in dieselbe Richtung: Öffentliche Gelder sollten nicht einfach die Kosten eines krisenanfälligen Agrarsystems ausgleichen. Sie sollten dazu beitragen, dieses System widerstandsfähiger zu machen.
Das bedeutet auch eine andere Vorstellung von Ernährungssicherheit. Sie besteht nicht darin, unter allen Umständen möglichst hohe Erträge mit möglichst vielen Betriebsmitteln zu erzwingen. Sondern dass Böden fruchtbar bleiben, Wasser verfügbar ist, Artenvielfalt erhalten wird und landwirtschaftliche Betriebe auch unter veränderten klimatischen Bedingungen wirtschaften können.
Die aktuelle Dürre ist deshalb nicht nur eine schlechte Nachricht für die Ernte 2026. Sie ist ein weiterer Hinweis darauf, dass sich die Landwirtschaft verändern muss. Die entscheidende Frage lautet nicht, wie lange sich die Folgen des Klimawandels mit staatlichem Geld ausgleichen lassen. Entscheidend ist, ob die Politik endlich die Rahmenbedingungen dafür schafft, dass Landwirtschaft mit weniger Wasser, weniger fossilen Ressourcen und größerer ökologischer Stabilität auch in Zukunft möglich bleibt.
Über 100 Organisationen aus Umwelt, Landwirtschaft, Gesundheit und Zivilschutz fordern einen nationalen Hitzegipfel. Ihr Appell: Klimaschutz und Klimaanpassung müssen endlich Chefsache werden – mit verbindlichen Hitzeschutzplänen, mehr Grün in Städten und einer Abkehr von fossilen Energien.
https://germanzero.de/gz-media/pages/assets/f7a466ea02-1785947695/hitzegipfel-jetzt.pdf



