Christoph Jordan, der damals neue Betriebsleiter des Plukon Schlachthofs, staunte laut HNA Beitrag im Januar 2025, dass so viele Gudensberger zu der Veranstaltung „Das rote Sofa“ gekommen waren. Das zeige ihm, welchen Stellenwert der Schlachthof in der Stadt habe. Man erfuhr einige persönliche Details, etwa dass er Schokoaufstrich lieber mit Butter esse. Und dann äußerte er gleich zu Beginn, es würde sich ihm nicht erschließen, warum sein Unternehmen so oft im Gespräch sei.
Zur Sache wusste er auch etwas. Etwa zu der häufig geäußerten Kritik an prekären Arbeitsbedingungen in Schlachthöfen. Plukon beschäftige keinen einzigen Leiharbeiter. Das sei ja oft kritisiert worden. So what? Stimmte schließlich. War allerdings nicht immer so und auch erste wenige Jahre zuvor gesetzlich verboten. Was offenbar weder im Publikum noch beim Moderationsteam präsent war. Denn die skandalösen Zustände, die geradezu sklavenartigen Beschäftigungsverhältnisse in Schlachthöfen, waren zwar seit langem bekannt gewesen, doch während der Coronapandemie kamen sie nach einer Masseninfektion im Großschlachthof Tönnies wieder einmal an die Öffentlichkeit.
Obwohl die Fleischbranchenlobby massiv dagegen werkelte, wurde vom Gesetzgeber trotz anfänglichen Gegenwind der CDU/CSU 2021 Leiharbeit in Schlachthöfen verboten. Widerstand gab es u.a. von der damaligen stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden der Union Gitta Connemann, die sich selbst als „schärfste Lobbyistin“ ihrer friesischem Wahlkreis-Region bekannte, welche die höchste Schlachthofdichte Deutschlands aufweist.
Öffentliche Zahlen zum Gesamtanteil der Beschäftigten mit Werkverträgen bei Plukon in Gudensberg bis 2020 gab es nicht. Schätzungen gingen von 70 oder gar 80% aus. Gelegentlich in den Blick rückten dabei auch die erbärmlichen Unterkünfte, für die von den Subunternehmen Wuchermieten verlangt wurden.
Fahrlässige Tötung, fahrlässige Körperverletzung, versuchte gefährliche Körperverletzung … Hier geht es nicht um die auch in manchen ministeriellen Kreisen beschworene Gefahr von „Linksterroristen“, sondern um die Verantwortlichen der Wilke Waldecker Fleisch- und Wurstwaren GmbH & Co. KG. Dies ist die kriminelle Seite, die nun im Juli 2026 vor dem Landgericht in Kassel verhandelt wird, nach der behördlichen Schließung vor über sechseinhalb Jahren. Ja, es sind Menschen gestorben. Ob unmittelbar nach dem Verzehr von Waldecker Wurstwaren aus Berndorf, ist natürlich schwer zu beweisen. Die Staatsanwaltschaft hat deshalb die Fallzahlen eingeschränkt. Geliefert wurde damals jedenfalls an Hotel- und Gastronomiebetriebe und an den Großhandel wie die Metro. Klar, die reagierten schnell und starteten Rückrufe. Laut Anklage trotzdem zu spät.
Aber wen interessierte die Herkunft des Fleischs, das Treiben an den Schlachthöfen, die Zustände in der Weiterverarbeitung und Verpackung? Aktiven und ehemals Aktiven der BI Chattengau ist noch präsent, wie die Debatte um die Schlachthofansiedlung in Gudensberg im letzten Jahrzehnt anfangs geführt wurde. Lokalpolitiker, die sich dazu hinreißen ließen, Mitglieder der Bürgerinitiative Chattengau als grüne Spinner oder verbeamtete Lehrer mit hohem Gehalt im Gegensatz zu den vielen „normalen“ Leuten zu bezeichnen, die sich eben keine ökologische Ernährung leisten könnten. „Die Leute brauchen preiswerte Nahrungsmittel“ tönte es damals.
Um es klar zu sagen: Plukon stand niemals in einer Geschäftsbeziehung zu Wilke. Und es ist auch kein Hygieneskandal bekannt aus Gudensberg. Also alles gut? Wo ist da der Zusammenhang? Nun, es geht um das Prinzip der industriellen „Fleischerzeugung“, auch Massentierhaltung genannt, die Mensch und Tier ausbeutet. Und um ihre Vertriebsketten. Denn was mit den damals gesetzlich zulässigen Arbeitsbedingungen geschah, war unglaublich. Und es wurden auch danach immer wieder Schlupflöcher gefunden.
Auch die HNA schreibt anlässlich des Prozessbeginns, dass die bei Wilke weggefallenen Arbeitsplätze die Gemeinde nicht allzu stark trafen, da die Arbeiter meist aus Südosteuropa kamen und stellt fest: „Für sie hatte Wilke in leer stehenden Gasthäusern Räume angemietet, auf die sich wohl kein deutscher Arbeiter eingelassen hätte. So warf der Wilke-Skandal auch ein Schlaglicht auf die oft prekären Arbeits- und Lebensverhältnisse im Fleisch verarbeitenden Gewerbe.“
So weit so schlecht. Interessant sind allerdings auch die Folgekosten solcher Geschäftsmodelle, die dann häufig die Allgemeinheit trägt. Es gab ambitionierte Pläne für die Entwicklung des verlassenen riesigen Firmengeländes. Doch passiert ist noch nichts. Schon im Juni 2022 wurde in der WLZ von Kosten zum Thema Gebäudeabriss der Betrag von fast 7 Millionen Euro genannt. Und wenn eine Gemeinde Unterstützung von Bund, Land und Landkreis fordert, dann darf natürlich der Hinweis auf geplante Investitionen für Kindergärten und Feuerwehren nicht fehlen.
Fatale Parallelen tun sich auf bezüglich Zukunftsorientierung. Lobbyismus, kurzfristige Profitinteressen, Verstrickung von Entscheidungsträgern mit privatwirtschaftlichen Interessen, ideologische Verbohrtheit. Man könnte hier an die Energiepolitik denken. Doch mit der industriellen Tierhaltung ist es kaum anders. Die Kausalitätenkette ist gruselig: Ausbeutung der Böden durch intensiven Futtermittelanbau mit der Folge von kontinuierlichen Humusabbau. Zu viele Tiere auf engstem Raum unter qualvollen Bedingungen. Ständig steigender Nitratgehalt in Böden durch zu viel Gülle. Dadurch auch Algenwachstum im Meer mit Fischesterben.
All das sind wissenschaftlich belegte Fakten, doch offenbar zählt mehr die kurzfristige wirtschaftliche Bilanz. Ob beim Unternehmen oder im kommunalen Haushalt. Es ist so unendlich oft gesagt, wird allerdings dadurch nicht falsch: Die Schlusszeche zahlt die Allgemeinheit.
Oktober 2022: https://aga-nordhessen.de/die-plukon-story-und-der-streik-in-der-fleischfabrik/
Weitere Quellen
Wilke-Abriss in Berndorf immer teurer. WLZ vom 29.06.2022. https://www.wlz-online.de/waldeck/twistetal/wilke-abriss-immer-teurer-91636066.html
Wilke Waldecker Fleisch- und Wurstwaren, Wikipedia, o.A. https://de.wikipedia.org/wiki/Wilke_Waldecker_Fleisch-_und_Wurstwaren
Nach Ekel-Wurst-Skandal bei Wilke: Jetzt stehen die Chefs vor Gericht.https://www.tagesschau.de/inland/regional/hessen/hr-nach-ekel-wurst-skandal-bei-wilke-jetzt-stehen-die-chefs-vor-gericht-100.html
Prozess um Wilke-Wurst startet: Drei Angeklagte wegen elf Todesfällen. HNA vom 04.07.2026 https://www.hna.de/lokales/frankenberg/twistetal-ort119208/prozess-um-wilke-wurst-startet-drei-angeklagte-wegen-elf-todesfaellen-94382241.html



