Jahrelang wurde Glyphosat mit einer Studie verteidigt – nun wurde diese wegen schwerer ethischer Mängel zurückgezogen
Über mehr als zwei Jahrzehnte wurde Glyphosat besonders mit dieser Studie verteidigt. Immer wieder diente sie als vermeintlich wissenschaftlicher Beweis, dass das weltweit meistverwendete Herbizid angeblich harmlos sei. Diese Studie aus dem Jahr 2000 wurde von Politik, Industrie und Aufsichtsbehörden herangezogen, um Zweifel insbesondere an einem möglichen Krebsrisiko zurückzuweisen. Nun ist klar: Diese Grundlage war hochproblematisch. Das Fachjournal Regulatory Toxicology and Pharmacology hat die Studie offiziell zurückgezogen.
Die Veröffentlichung mit dem Titel „Safety Evaluation and Risk Assessment of the Herbicide Roundup and Its Active Ingredient, Glyphosate, for Humans“ galt lange als Schlüsseltext in der Glyphosat-Debatte. Sie wurde in Genehmigungsverfahren, politischen Stellungnahmen und juristischen Auseinandersetzungen immer wieder zitiert. Kritische Stimmen, die auf methodische Schwächen und mögliche Interessenkonflikte hinwiesen, wurden über Jahre hinweg marginalisiert.
Der Grund für die Rücknahme ist gravierend: Die Herausgeber des Journals sehen heute schwerwiegende ethische Mängel. Zentrale Inhalte der Studie basierten fast ausschließlich auf Untersuchungen des Glyphosat-Herstellers Monsanto. Diese Nähe zur Industrie wurde jedoch weder ausreichend offengelegt noch transparent gemacht.
Besonders brisant ist der Verdacht, dass Mitarbeitende von Monsanto offenbar selbst an der Ausarbeitung des Artikels beteiligt waren, ohne als Autoren genannt zu werden. Damit steht der Vorwurf des sogenannten „Ghostwritings“ im Raum – eine Praxis, bei der Unternehmen wissenschaftliche Texte verfassen lassen, die später unter dem Namen scheinbar unabhängiger Wissenschaftler veröffentlicht werden. Gleichzeitig wurden finanzielle Verbindungen zwischen Autoren und Industrie nicht offengelegt.
Die Herausgeber des Journals erklärten, dass unter diesen Umständen nicht mehr von einer verlässlichen wissenschaftlichen Arbeit gesprochen werden könne. Die Schlussfolgerungen seien nicht vertrauenswürdig – ein ungewöhnlich klares Urteil für eine Fachzeitschrift und ein später, aber notwendiger Schritt.
Folgen für die Glyphosat-Debatte
Die Tragweite dieser Rücknahme ist erheblich. Die Studie war über Jahre hinweg ein zentrales Argument, um Warnungen vor Glyphosat zu entkräften. Sie wurde immer wieder gegen Hinweise auf Krebsrisiken, Umweltbelastungen und Schäden für die Biodiversität ins Feld geführt. Dass ausgerechnet dieses Fundament nun wegbricht, wirft ein grelles Licht auf die Rolle industrienaher Wissenschaft in der Risikobewertung von Pestiziden.
Die Rücknahme zeigt, wie systematisch Zweifel an Glyphosat kleingeredet wurden – nicht auf Basis unabhängiger Forschung, sondern mithilfe einer Studie, deren Entstehung und Finanzierung nie transparent waren. Dass es mehr als 25 Jahre dauerte, bis diese Mängel offiziell anerkannt wurden, ist ein alarmierendes Signal für den Umgang mit industriefinanzierter Forschung.
Ein Lehrstück über Geld, Wissenschaft und Verantwortung
Der Fall macht deutlich: Die Glyphosat-Debatte ist kein rein wissenschaftlicher Streit, sondern auch eine Frage von Macht und wirtschaftlichen Interessen. Wenn Studien mit massiven Interessenkonflikten jahrzehntelang politische Entscheidungen beeinflussen können, stellt sich die Frage nach der Glaubwürdigkeit bestehender Zulassungsverfahren.
Für Umwelt- und Verbraucherschutzorganisationen bestätigt die Rücknahme, was seit Langem kritisiert wird: Die Bewertung von Pestiziden darf nicht auf industriegesteuerten Veröffentlichungen beruhen. Notwendig sind unabhängige, transparente Studien und ein Vorsorgeprinzip, das Gesundheit und Umwelt konsequent schützt – statt Risiken erst dann anzuerkennen, wenn der Schaden längst entstanden ist.
Die Rücknahme der Glyphosat-Studie ist daher mehr als eine formale Korrektur. Sie ist ein spätes Eingeständnis, dass ein zentraler Pfeiler der Glyphosat-Verteidigung wissenschaftlich nicht haltbar war.
Quellen:
https://www.cbgnetwork.org/medizin-journal-zieht-glyphosat-studie-zurueck/

