Schon Mitte Januar teilte das Hessische Landwirtschaftsministerium mit, dass der Vollzug der zusätzlichen Anforderungen in den mit Nitrat belasteten Gebieten (sog. Roten Gebieten) ausgesetzt wird. Planungssicherheit stünde im Vordergrund dieser Entscheidung.
Der Begriff Sicherheit wird gerne und häufig verwendet auch in Kombination mit Ernährung. Es ist die gewissermaßen heilige Kuh bzw. das Totschlagargument der Agrarlobbyisten und besonders des Bauernverbands, wenn es um (oftmals kurzfristige) pekuniäre Vorteile versus ökologischer Bedenken oder gar Schäden geht. Anders gesagt: Was interessieren Themen wie Biodiversität oder Umweltschutz, wenn Ertragsmengen einer Saison höher ausfallen ohne dieses grüne Gedöns.
Vor sechs Jahren, im Januar 2020 fand eine sehr gut besuchte Veranstaltung der Wasser-Initiative Waldeck-Frankenberg in der dortigen Kulturhalle statt. Eindringlich warnten Experten vor der überhöhten Nitratbelastung. Schüler:innen hatten u.a. Wasserproben entnommen und mussten sich als Erwiderung die beinahe spöttischen Bemerkungen des anwesenden Vertreters des Bauernverbandes anhören. Alles sei in Ordnung, alles werde geprüft, Landwirte würden bewusst düngen. Soweit der kurze Rückblick nach Nordhessen.
In der Gegenwart spricht die Landkarte der sog. Roten Gebiete eine andere Sprache. Das HLNUG (Hessisches Landesamt für Naturschutz, Umwelt und Geologie) gibt eine Übersichtskarte über nitratbelastete Gebiete heraus. Gerade der Landkreis Waldeck-Frankenberg sieht da nicht gut aus.
Außerdem geht es längst nicht nur um Nitrat im Grundwasser. Ein zentrales Problem ist die sogenannte Eutrophierung – also die Überdüngung von Gewässern durch Nährstoffe wie Stickstoff und Phosphor. Gelangen diese in Bäche, Flüsse und Seen, führt das zu starkem Algenwachstum, sinkenden Sauerstoffgehalten und letztlich zu massiven Schäden für ganze Ökosysteme. Fische, Insekten und Pflanzen geraten unter Druck, Gewässer „kippen“ im schlimmsten Fall.

Genau diese Entwicklung bildet das Hessische Landesamt für Naturschutz, Umwelt und Geologie (HLNUG) in seinen Karten ab: Neben den Roten Gebieten für nitratbelastetes Grundwasser gibt es gelb ausgewiesene Gebiete, die von Eutrophierung betroffen sind. Beide Karten machen sichtbar, wie weitreichend die Belastungen inzwischen sind.
Die Zahlen sind deutlich: Nach Angaben des HLNUG sind 83 Oberflächenwasserkörper betroffen, insgesamt rund 6.094 Quadratkilometer – fast 29 Prozent der Landesfläche Hessens. Innerhalb dieser Gebiete liegen etwa 3.154 Quadratkilometer landwirtschaftlicher Nutzfläche, also rund ein Drittel der gesamten Agrarfläche. Mit anderen Worten: Ein erheblicher Teil der Landwirtschaft findet in Regionen statt, in denen Gewässer bereits überlastet sind.
Vor diesem Hintergrund ist die Aussetzung zusätzlicher Auflagen in den Roten Gebieten ein politisches Signal in die falsche Richtung. Planungssicherheit wird hier einseitig interpretiert – als Sicherheit für kurzfristige Bewirtschaftungsinteressen, nicht aber für den Schutz von Wasser, Böden und Ökosystemen. Die ökologischen Folgekosten bleiben dabei unsichtbar oder werden bewusst in Kauf genommen.
Dabei sind die Zusammenhänge seit Jahren bekannt. Zu hohe Nährstoffeinträge stammen überwiegend aus der Landwirtschaft, insbesondere aus intensiver Düngung. Wenn Maßnahmen zur Reduktion dieser Einträge verzögert oder aufgeweicht werden, verschärft sich das Problem weiter – auch in Nordhessen.
Die Karten zu roten und gelben Gebieten, die wir hier mit Genehmigung des HLNUG veröffentlichen, zeigen unmissverständlich: Es geht nicht um Einzelfälle, sondern um strukturelle Belastungen. Wer weiterhin so tut, als ließen sich diese Probleme mit Verweis auf „Sicherheit“ relativieren, blendet die Realität aus. Denn echte Planungssicherheit gibt es nur, wenn auch die natürlichen Grundlagen gesichert sind.
Quellen:
Hessisches Landesamt für Naturschutz, Umwelt und Geologie: Mit Nitrat belastete und eutrophierte Gebiete nach Düngeverordnung

