Der Regen lässt auf sich warten – wie so oft im Frühjahr. So harren die 400 Schafe im Stall auf dem Bio-Hof von Oliver Diehl in Niederholzhausen aus und müssen sich mit Stroh zufriedengeben, denn das Futter geht langsam zur Neige. Wegen der anhaltenden Trockenheit wächst noch zu wenig auf den Wiesen, um ausreichend Nahrung für die Tiere zu bieten. Viele Lämmer sind unter der Herde, sie bekommen im Lämmerschlupf zusätzlich Silage und Getreide, das durch schmale Lattung vor den hungrigen Altschafen sicher ist. Im Zwillingsstall gibt es zusätzlich Kraftfutter, denn als Zwilling geborene Lämmer sind meist schwächer als Einlinge und brauchen für ihr Wachstum daher gehaltvolleres Futter.
„Wir brauchen dringend Regen“, betont Schäfer Oliver Diehl. „Die landläufige Meinung, dass nur Sonne schönes Wetter ist und das so in allen Medien bekundet wird, ärgert mich.“ Denn die Trockenheit im Frühjahr hat gravierende ökologische Folgen. Diese Jahreszeit ist die entscheidende Startphase für die Natur. Böden, Pflanzen und Tiere geraten bei Trockenheit unter Stress und die gesamte Vegetationsperiode leidet darunter. „Hoffentlich kann es bald losgehen und wir können mit der ersten Gruppe nach Armsfeld und dann später nach Ellershausen ziehen“, wünscht sich der 59-Jährige.
110 Hektar Hutungsflächen stehen den Schafen des Bio-Hofs zur Verfügung. Mit der Beweidung erfüllen sie eine wichtige Aufgabe: Schafe sind essenziell für die ökologische Landschaftspflege. Durch selektives Fressverhalten wird der Bewuchs kurzgehalten, was seltenen Pflanzen und Insekten Lebensraum bietet. Sie verursachen keine Trittschäden und verdichten den Boden nicht wie es beim Einsatz von schweren Geräten geschieht. Außerdem ist es für die robusten Tiere kein Problem auch schwer zugängliche Flächen zu beweiden und so Verbuschung zu verhindern. Mit der Weidetier-Prämie wird diese wichtige Funktion anerkannt. 34 Euro gibt es dafür pro Schaf im Jahr, was dazu führt, dass Schafe länger gehalten werden als früher. Auch die etwa 30 Ziegen, die auf dem Hof leben, sind wahre Spezialisten für alle Art von Hecken, Sträuchern und Verbuschung. „Sie räumen so richtig auf, um bepflanzbare Flächen zu bekommen. Ihr Sozialverhalten ist sehr ausgeprägt und interessant zu beobachten, viel differenzierter als bei den Schafherden.“
Hauptsächlich Rhön-Schafe leben auf dem Vier-Seiten Hof, der unter Denkmalschutz steht. Sie sind robust und kommen gut mit mageren Wiesen zurecht. Außerdem gibt es Bergschafe und Füchse sowie Kreuzungen. „Unsere Böcke gehören vom Typ eher zu den Fleischrassen. Die so gekreuzten Lämmer sind frohwüchsig und setzen schneller Fleisch an, als es reine Rhönlämmer täten“, erklärt Diehl. Wenn die Lämmer alt genug sind, werden sie von ihren Müttern getrennt und auf Kleegrasflächen weiter gemästet. Mit sechs bis sieben Monaten wird ein Teil von ihnen verkauft und geschlachtet. Das macht Schäfer Martin Henkel in Hatzbach, hier ist sich der Landwirt sicher, dass das für die Tiere schonend und schnell passiert. Da Henkel keine Bio-Zertifizierung hat, wird das Fleisch konventionell verkauft, obwohl es Bio-Qualität hat. „Ich verkaufe lieber konventionell in die Nähe als Bio mit weiten Transportwegen, auch wenn der Erlös geringer ist“, betont Diehl. Auch Altschafe müssen „entnommen“, das heißt geschlachtet werden. Das Fleisch wird gerne gekauft, da es billiger ist.
Oliver Diehl und seine Kollegen bauen auch das nahrhafte Kraftfutter für ihre Tiere an. Leguminosen wie Futtererbsen sowie Weizen und Gerste sind eiweißreiche Kost. Für den Ökolandbau sind Leguminosen besonders geeignet, da sie Stickstoff aus der Luft im Boden binden und als Gründüngung sinnvoll sind. Auch die Produktion gesunder vegetarischer Nahrungsmittel für den Menschen liegt den Hofbetreibern am Herzen. So werden jedes Jahr 25 Tonnen Bio-Hafer angebaut und an eine Mühle verkauft. „Jedes Jahr wieder eine Herausforderung angemessene Preise zu erzielen und eine Abnahmegarantie der Mühle zu bekommen“, bemängelt Diehl.
Als Oliver Diehl 2009 zufällig den Vier Seiten Hof entdeckte und dieser auch noch zum Verkauf stand, war die Idee geboren, in einer Gemeinschaft den Hof zu bewirtschaften. Das Kulturdenkmal mit seinen schönen Gemäuern hatte es ihm angetan. Die großen Ställe waren wie gemacht für die Schafhaltung. Heute leben fünf Menschen auf dem Hof, jeder trägt einen Beitrag zur Bewirtschaftung bei. „Wir empfinden den Hof als kleines Biotop, in dem wir „unter anderen“ leben“, darin ist die Gruppe sich einig. Viele Tiere wie Schwalben, Fledermäuse, Turmfalken, Eulen und Erdkröten finden in den alten Gemäuern ein Zuhause.
Erfahrung hatte Oliver Diehl genug gesammelt. Nach einer landwirtschaftlichen Ausbildung lebte er in einer Schäfereikommune in der Pfalz und war gemeinsam mit Freunden Pächter eines Milchviehbetriebes. Auch das Leben auf der Alm kennt der geborene Darmstädter. Als Geschäftsführer der ABL Hessen (Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft) bringt er sein Wissen und seine Überzeugungen ein. „Unser Land könnte sich locker von Bio ernähren, natürlich ohne tägliches Schweinefleisch. Doch die Strukturen in der konventionellen Landwirtschaft sind sehr starr und wenig offen für alternative Wege.“






Diehls Lebensgefährtin Daniela Braun verwirklicht mit dem Anbau von Gemüse einen Kindheitstraum. Wichtig ist ihr eine biointensive Bewirtschaftung, das heißt dass sie auf den Einsatz großer Maschinen verzichtet und nur mit effizienten Handgeräten arbeitet, was das Bodenleben schont. Trotz dieser Methode werden hohe Erträge erzielt, denn es wird mit engeren Pflanzabständen als im konventionellen Anbau gearbeitet. Dadurch kommt weniger Unkraut auf und die Verdunstung wird eingedämmt. Ihre Ernte verkauft Daniela Braun in der Saison auf dem Frankenberger Wochenmarkt und auch direkt ab Hof, ebenso wie die verschiedenen Kartoffelsorten. (JL)

