Forschung ist für den Ökolandbau keine Nebensache. Im Gegenteil: Wo chemisch-synthetische Pflanzenschutzmittel und leicht lösliche Mineraldünger nicht eingesetzt werden, müssen andere Lösungen gefunden werden. Wie lassen sich Unkräuter mechanisch regulieren? Welche Sorten kommen mit Trockenheit besser zurecht? Wie können Böden Fruchtbarkeit und Wasser speichern? Wie lassen sich Nährstoffkreisläufe schließen und Eiweißpflanzen erfolgreich anbauen? Und wie können Bio-Betriebe wirtschaftlich produzieren, ohne die ökologischen Grundlagen ihrer Produktion zu beschädigen?
Das Bundesministerium für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat (BMLEH) selbst bezeichnet die Forschung zur ökologischen Land- und Lebensmittelwirtschaft als wichtige Grundlage für deren Weiterentwicklung. Forschung soll Wissenslücken schließen, die Effizienz ökologischer Produktionssysteme verbessern und zugleich Umweltgüter schützen. Nach Darstellung des Ministeriums kann die Öko-Forschung darüber hinaus Impulse für die Transformation des gesamten Agrar- und Ernährungssystems geben.
Das klingt vernünftig. Auch die Bundesregierung hat mit der Bio-Strategie 2030 einen Rahmen geschaffen und beim BMLEH ein Kompetenzteam für die Forschung zur ökologischen Land- und Lebensmittelwirtschaft eingerichtet. Dieses Team hat in einem mehrjährigen, breit angelegten Prozess den Forschungsbedarf bis 2030 untersucht. Beteiligt waren Wissenschaft, Praxis, Beratung, Länder und Verbände. Die Themen reichen von Ackerbau und Tierhaltung über Bodenfruchtbarkeit und Biodiversität bis zu Verarbeitung, Vermarktung und Verbraucherverhalten.
Umso schwerer verständlich ist, was jetzt im Bundeshaushalt 2027 vorgesehen ist, findet nicht nur die taz.
Bio-Forschung: minus 31 Prozent
Der Regierungsentwurf für den Agrarhaushalt 2027 sieht für den Haushaltstitel „Zukunftsfähige, umwelt- und ressourcenschonende Landwirtschaft und ökologischer Landbau“ rund 21 Millionen Euro weniger vor als im Vorjahr. Das entspricht nach Berechnungen des Bundes Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW) einer Kürzung um 31,3 Prozent. Zum Vergleich: Der gesamte Haushalt des BMLEH soll lediglich um 19,6 Millionen Euro beziehungsweise 0,28 Prozent schrumpfen. Der Titel wird also deutlich stärker gekürzt als der Ministeriumshaushalt insgesamt.
Allerdings umfasst dieser Haushaltstitel nicht ausschließlich die Forschung für den Ökolandbau, sondern verschiedene Förderbereiche rund um eine umwelt- und ressourcenschonende Landwirtschaft. Der BÖLW sieht darin dennoch den zentralen Ansatz für die Förderung der Öko-Forschung. Entsprechend kritisiert der Verband, dass ausgerechnet dieser Bereich überproportional von den Kürzungen betroffen ist.
Die Dimension wird deutlicher, wenn man die Entwicklung der vergangenen Jahre betrachtet. Bereits für den Haushalt 2026 hatte das damalige Haushaltskonzept der Bundesregierung zunächst vorgesehen, die Mittel für Öko-Forschung, Ackerbaustrategie, „Proteine der Zukunft“ und Eiweißstrategie gemeinsam von 67 auf 54 Millionen Euro zu reduzieren. Das entsprach einem Rückgang von rund 20 Prozent. Bei den für länger laufende Vorhaben besonders wichtigen Verpflichtungsermächtigungen waren sogar Kürzungen von 50,9 auf 38,6 Millionen Euro vorgesehen. Der BÖLW sprach deshalb im Sommer 2025 von drastischen Einschnitten.
Diese Kürzungen wurden für den Haushalt 2026 nach den Beratungen des Bundestages allerdings weitgehend korrigiert. Der Haushaltsausschuss stellte die Mittel für BÖL, Ackerbaustrategie und weitere Programme wieder auf nahezu das bisherige Niveau. Der BÖLW begrüßte dies ausdrücklich.
Das Problem ist damit jedoch nicht verschwunden. Mit dem Entwurf für 2027 liegt nun erneut eine erhebliche Kürzung auf dem Tisch – und diesmal fällt sie noch deutlicher ins Auge.
Bio-Forschung ist ohnehin unterrepräsentiert
Der BÖLW verweist darauf, dass der Anteil der Öko-Forschung an den öffentlichen Agrarforschungsmitteln nach Expertenschätzungen nur im niedrigen einstelligen Prozentbereich liegt. In einer aktuellen Stellungnahme wird von rund zwei Prozent der gesamten deutschen Agrarforschung gesprochen. Gleichzeitig wirtschafteten 2025 rund 14 Prozent der deutschen Landwirtschaftsbetriebe ökologisch.
Selbst wenn man die unterschiedlichen Berechnungsmethoden berücksichtigt, bleibt eine deutliche Diskrepanz: Der Anteil des Ökolandbaus an den landwirtschaftlichen Betrieben ist wesentlich größer als sein Anteil an der öffentlichen Agrarforschung.
Dabei ist Forschung für Bio nicht einfach konventionelle Agrarforschung mit einem anderen Etikett. Der ökologische Landbau arbeitet mit einem anderen Systemansatz. Fruchtfolge, Bodenfruchtbarkeit, Nährstoffkreisläufe, biologische Vielfalt und die Vermeidung chemisch-synthetischer Betriebsmittel müssen gemeinsam betrachtet werden. Genau deshalb hebt auch das BMLEH den systemorientierten Ansatz der Öko-Forschung hervor.
Das ist keineswegs nur eine Frage von Bio-Siegeln oder Marktanteilen. Viele Forschungsfragen des Ökolandbaus sind angesichts von Klimakrise, Bodenerosion, Wasserknappheit und Biodiversitätsverlust für die Landwirtschaft insgesamt relevant.
Was Forschung konkret leisten kann
Wie wenig abstrakt diese Forschung ist, zeigen konkrete Projekte.
Ein Beispiel ist die Unkrautregulierung im ökologischen Ackerbau. Ein vom Bundesprogramm Ökologischer Landbau gefördertes Forschungsprojekt untersuchte den Anbau von Silomais mit reduzierter Bodenbearbeitung. Das Problem: Weniger Bodenbearbeitung schützt den Boden, kann aber den Unkrautdruck erhöhen. Die Untersuchungen zeigten, dass winterharte Zwischenfrüchte dabei helfen können, Unkräuter zu unterdrücken. Für die Praxis wurden daraus konkrete Empfehlungen zu Sortenwahl, Gemengen und Anbauverfahren entwickelt.
Ein anderes Beispiel ist der heimische Sojaanbau. In einem Forschungsprojekt wurden neue Sorten mit besserer Kälte- und Unkrauttoleranz entwickelt und unter verschiedenen Bedingungen in Deutschland geprüft. Daraus entstanden unter anderem Empfehlungen für die Sortenwahl: In kühleren Regionen können früh abreifende 000-Sorten Vorteile haben; bei größeren Anbauflächen kann der Anbau mehrerer Sorten mit unterschiedlichen Reaktionen auf Trockenphasen das Risiko verteilen.
Auch die Versorgung mit ökologisch erzeugtem Saat- und Pflanzgut ist ein Forschungsfeld. Ein derzeit vom BMLEH gefördertes FiBL-Projekt entwickelt dafür Roadmaps bis 2036. Untersucht werden Angebot und Nachfrage sowie die Entwicklung des Bedarfs in Ackerbau, Gartenbau, Wein- und Obstbau. Ziel ist, die Verfügbarkeit geeigneter Öko-Sorten und ökologisch erzeugten Saatguts zu verbessern.
Das sind keine Forschungsprojekte im Elfenbeinturm. Sie beschäftigen sich mit Fragen, die auf den Höfen ganz praktisch über Aufwand, Ertrag und wirtschaftliches Risiko entscheiden. Nachzulesen auf der Seite von oekolandbau.de/forschung
Selbst der Bauernverband fordert mehr Forschung
Bemerkenswert ist deshalb, dass die Kritik an Kürzungen bei Forschung und Innovation keineswegs nur aus dem Bio-Lager kommt. Auch der Deutsche Bauernverband (DBV) hatte bereits im Zusammenhang mit dem Bundeshaushalt 2026 eine „Zukunftsoffensive“ für die heimische landwirtschaftliche Produktion gefordert und kritisiert, dass es im Bereich Forschung und Innovation zu weiteren Kürzungen komme.
Der DBV argumentiert dabei aus der Perspektive der landwirtschaftlichen Produktion insgesamt. Gerade deshalb zeigt die Debatte, worum es eigentlich geht: Forschung ist eine Voraussetzung dafür, dass Landwirtschaft auf neue Herausforderungen reagieren kann. Ob Trockenheit, neue Pflanzenkrankheiten, veränderte Märkte oder der notwendige sparsamere Umgang mit Boden, Wasser und Betriebsmitteln – ohne Wissen aus Versuch, Forschung und Praxis lassen sich diese Probleme nicht lösen.
Der Ökolandbau braucht dabei eigene Forschung. Denn wer von einem System verlangt, mit weniger externen Betriebsmitteln auszukommen, braucht wissenschaftlich abgesicherte Alternativen.
Protest aus der Bio-Branche
Der BÖLW hat die geplanten Kürzungen im Juli und erneut im September scharf kritisiert. Der Verband verweist nicht nur auf die bereits geringe Forschungsförderung, sondern auch auf die politischen Ziele der Bundesregierung. Union und SPD hatten im Koalitionsvertrag eine Stärkung des Bundesprogramms Ökologischer Landbau vereinbart. Der nun vorgelegte Haushaltsentwurf steht dazu zumindest beim Umfang der vorgesehenen Forschungsförderung in einem deutlichen Spannungsverhältnis.
Unterstützung erhält der Protest auch aus der Wirtschaft. EPOS Bio Partner, ein Bio-Großhändler für Großverbraucher, Kitas, Schulen und Gastronomie, schließt sich der Kritik an. Das Unternehmen bezeichnet verlässliche Politik und gezielte Forschung als Grundlage für wirtschaftlich arbeitende heimische Bio-Betriebe und unterstützt ausdrücklich den Appell, die geplanten Einschnitte zu überarbeiten.
Das ist insofern interessant, als die Kürzungen nicht nur Forschungsinstitutionen betreffen. Forschung ist Teil einer Wertschöpfungskette, an deren Ende landwirtschaftliche Betriebe, Verarbeiter, Handel und Verbraucher stehen. Wenn Forschungsvorhaben nicht beginnen oder nicht langfristig geplant werden können, fehlen später unter Umständen Lösungen, die auf den Höfen oder in der Verarbeitung gebraucht werden.
Kritik auch aus dem Bundestag
Bei der ersten Beratung des Agrarhaushalts im Bundestag am 10. September wurde der Entwurf ebenfalls kritisiert. Der Grünen-Abgeordnete Leon Eckert erklärte, der Haushalt kürze „an der Zukunft der Landwirtschaft und der Zukunft der Natur“. Die Linken-Abgeordnete Ina Latendorf kritisierte insbesondere die Kürzungen bei Ökolandbau und Biodiversität. Nach ihrer Einschätzung zeige der Rückgang um mehr als acht Prozent in diesem Bereich, dass die Bundesregierung die Folgen der Dürre für die Landwirtschaft nicht ausreichend berücksichtige.
Dabei geht es nicht nur um die Bio-Forschung. Der gesamte Bereich der GAK-Maßnahmen für allgemeinen Rahmenplan, ländliche Entwicklung, Ökolandbau und Biodiversität soll von 660 Millionen Euro im Jahr 2026 auf rund 606,3 Millionen Euro sinken. Das entspricht einem Rückgang von gut acht Prozent.
Gerade nach dem Dürresommer 2026 ist das ein bemerkenswerter Zeitpunkt für Kürzungen bei Maßnahmen, die auf langfristige Widerstandsfähigkeit der Landwirtschaft zielen. Die Bundesregierung selbst hat die Ernteverluste dieses Sommers als „Krise von nationaler Tragweite“ bezeichnet.
Auch die Ernährungsindustrie warnt vor weniger Forschung
Eine weitere Stimme kommt aus einer anderen Ecke: dem Forschungskreis der Ernährungsindustrie (FEI). Er beschäftigt sich nicht speziell mit Öko-Landbau, sondern mit anwendungsorientierter Forschung für die Lebensmittelwirtschaft. Der FEI koordiniert nach eigenen Angaben jährlich rund 100 Projekte der Industriellen Gemeinschaftsforschung und arbeitet dabei mit mehr als 120 Forschungseinrichtungen zusammen.
Der FEI unterstützt deshalb den Protest der Allianz für Industrie und Forschung gegen die geplanten Kürzungen bei der Industriellen Gemeinschaftsforschung (IGF). Nach dem Haushaltsentwurf sollen deren Mittel von 178,5 auf 167 Millionen Euro sinken. Der FEI warnt, dass dadurch neue Forschungsprojekte erschwert werden könnten. Gerade für kleine und mittlere Unternehmen sei die gemeinsame Forschung von Unternehmen und Wissenschaft wichtig, weil sie Zugang zu Forschungsergebnissen ermöglicht, die einzelne Unternehmen allein kaum finanzieren könnten.
Diese Kritik betrifft einen anderen Haushaltstitel und vor allem den Etat des Wirtschaftsministeriums. Sie gehört dennoch in das Gesamtbild: Während Politik allerorten von Innovation, Wettbewerbsfähigkeit und Transformation spricht, stehen gleichzeitig Kürzungen bei unterschiedlichen Formen angewandter Forschung im Raum.
Forschung statt Reparaturbetrieb
Gerade der Dürresommer hat gezeigt, wie wichtig langfristige Forschung ist. Wenn Böden Wasser nicht ausreichend speichern, wenn bestimmte Sorten unter Hitze und Trockenheit zusammenbrechen oder wenn Betriebe bei der Unkrautregulierung auf chemisch-synthetische Mittel verzichten wollen, helfen kurzfristige Zahlungen allein nicht weiter.
Forschung kann hier ansetzen: bei robusteren Sorten, bei Fruchtfolgen, Zwischenfrüchten und Bodenbearbeitung, bei Wasser- und Nährstoffmanagement oder bei neuen Verfahren der Verarbeitung und Vermarktung. Das BMLEH führt selbst eine lange Liste entsprechender Forschungsfelder. Dazu gehören unter anderem Ackerbausysteme mit und ohne Tierhaltung, Grünland und Biodiversität, Grundfuttererzeugung, Geflügel- und Schweinehaltung sowie Lebensmittel und Verarbeitung.
Das Bundesprogramm Ökologischer Landbau verfügt dafür allerdings ohnehin nur über ein vergleichsweise kleines Budget. Nach Angaben des BÖLW wurden zuletzt rund 40 Millionen Euro jährlich für das BÖL bereitgestellt – weniger als 0,6 Prozent des BMLEH-Etats. Inflationsbereinigt liege das Budget etwa 30 Prozent unter dem Niveau von 2002.
Vor diesem Hintergrund wirkt eine Kürzung um weitere 31 Prozent nicht wie eine Schwerpunktsetzung, sondern wie ein Rückzug aus einem Bereich, den die Bundesregierung selbst als wichtig für die Weiterentwicklung des Agrarsystems bezeichnet.
Bio-Forschung ist Zukunftsforschung
Der Widerspruch ist offensichtlich: Die Landwirtschaft soll klimaresilienter werden, weniger Ressourcen verbrauchen, Böden und Wasser schützen und gleichzeitig wirtschaftlich produzieren. Genau dafür braucht es Wissen, das nicht bereits vorhanden ist. Forschung muss deshalb nicht nur bestehende Produktionsverfahren optimieren, sondern auch neue Wege erproben.
Der Ökolandbau liefert dafür wichtige Forschungsfelder und praktische Versuchsräume. Mechanische Unkrautregulierung, vielfältige Fruchtfolgen, Leguminosen, Bodenfruchtbarkeit, biologische Schädlingskontrolle, robuste Sorten und geschlossene Nährstoffkreisläufe sind keine Themen einer kleinen Nische mehr. Sie berühren zentrale Fragen der Landwirtschaft insgesamt.
Dass ausgerechnet bei dieser Forschung erneut der Rotstift angesetzt werden soll, ist deshalb kritisch zu sehen. Das gilt umso mehr, weil die Bio-Forschung schon heute einen kleinen Teil der öffentlichen Agrarforschung ausmacht und weil das BMLEH selbst den Forschungsbedarf bis 2030 erst vor kurzem systematisch erfassen ließ.
Wer angesichts von Klimakrise, Bodendegradation, Wasserknappheit und Biodiversitätsverlust über eine zukunftsfähige Landwirtschaft spricht, braucht mehr Wissen, nicht weniger. Und dieses Wissen entsteht nicht erst dann, wenn die nächste Krise bereits auf dem Acker steht.
Die Haushaltsberatungen für 2027 sind noch nicht abgeschlossen. Der jetzt vorliegende Regierungsentwurf ist also noch nicht der endgültige Haushalt. Die Zahlen zeigen allerdings bereits, welche Prioritäten die Bundesregierung mit ihrem Entwurf setzt: Der Agrarhaushalt insgesamt bleibt nahezu stabil, während gerade bei Nachhaltigkeit, Forschung und Innovation sowie bei den Mitteln für Ökolandbau und Biodiversität gekürzt werden soll.
Für den Ökolandbau wäre das ein fatales Signal. Nicht weil Bio keine Forschung mehr braucht – sondern gerade weil sie dringend gebraucht wird.



